Burak Gümüş
Zur Lage der Aleviten nach der Einführung des Mehrparteiensystems (1946) bis zum Memorandum der Armee vom 28.2.1997
1. Über die Situation nach 1946 bis zu den Beschlüssen des Nationalen Sicherheitsrats (1997)
1.1 Aleviten von 1946 bis zum ersten Putsch der Armee am 27.5.1960
a) Vorgeschichte zur Aufhebung des Parteienmonopols wegen der Elitenspaltung
Die kemalistischen Reformen, Werte und Normen waren laut Cem und Tibi zu oberflächlich, um von der religiösen sunnitischen Bevölkerung dauerhaft verinnerlicht zu werden, weil auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen dazu gefehlt hatten (vgl. Cem 1986: 294 f.; Tibi 1998: 86 f. ). Atatürk verstarb am 10.11.1938. Ismet Inönü, der "Zweite Mann" (Aydemir 1968), wurde zu dessen Nachfolger gewählt. Er führte Atatürks Politik bei weitreichender innenpolitischer Kontinuität und Beachtung der türkischen Neutralität in den Internationalen Beziehungen bis in die Mitte der 40er Jahre fort.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem Beginn der Konfrontation der UdSSR mit den Vereinigten Staaten hatte die USA Ländern bzw. deren Eliten, die sich in das westliche System einbinden lassen wollten, umfangreiche Kredite und Militärhilfen gegen Erfüllung von Bedingungen versprochen. Die Vereinigten Staaten von Amerika wollten der von der Sowjetunion bedrängten Türkei aber nur gegen Erfüllung politischer und wirtschaftlicher Bedingungen Hilfe leisten:
"Die Pläne der USA sahen vor, die Türkei weiterhin im wesentlichen auf der Stufe eines Agrarlandes zu belassen. Deshalb waren Ideen von türkischer Seite, die den Aufbau einer Schwerindustrie vorsahen, in den Vereinigten Staaten nicht willkommen ... Da ... die Türkei dringend Kredite benötigte, beugte sich die türkische Regierung" (Werle / Kreile 1987: 47)
diesen Bedingungen.
Die Industrialisierung und Gewinne aus kriegsbedingten Preiserhöhungen hatten zur weiteren Ausdifferenzierung der sozialökonomischen Elite in der Türkei geführt, so daß sich neben der bestehenden Schicht der feudalen Großgrundbesitzer ein großes Bürgertum herausgebildet hatte (vgl. Perincek 1991: 237 f.). Diese wirtschaftliche Elite hatte eine weitere Liberalisierung der Wirtschaft und Einschränkung des kemalistischen Staatsdirigismus sowie eine ökonomische Liason mit ausländischem Kapital gefordert (vgl. Werle / Kreile 1987: 46 ff.). Sie
"versprach von einer engen Zusammenarbeit mit den kapitalistischen Ländern – vor allem mit den USA – eine ... Kapitalakkumulation, die durch Kapitalimporte ausländischer Kredite, ausländischer Patente und Lizenzen beschleunigt werden sollte." (Hoffmann / Balkan 1985: 56)
Die weitere Pluralisierung der Elite führte zu Kämpfen zwischen verschiedenen Fraktionen (vgl. Perincek 1991: 251-252; Hoffmann / Balkan 1985: 56):
"Die (zivile und militärische) Bürokratie ... nahm als hauptsächliche Trägerin der kemalistischen [Politik, BG] ... die Position der politischen Oberschicht ein, aus der sie nach 1945 von der unternehmerischen Oberschicht verdrängt wurde." (Weiher 1978: 90)
Der sozialökonomischen Vielfalt mußte insofern politisch Rechnung getragen werden, als das kemalistische Einparteienmonopol neben dem wachsenden Druck der westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs aufgehoben werden mußte. Die bisher regierende CHP, die wegen der Einführung der Kranken- und Invalidenversicherung und der beabsichtigten Landreform die Situation der wirtschaftlich verrandeten Arbeiter und Landwirte verbessern wollte, sah sich dieser neuen Elitenfraktion diametral gegenüber. Nach einem Streit über den Entwurf zur Bodenreform traten Celal Bayar und Adnan Menderes aus der Partei aus und gründeten die Demokratische Partei (Demokratik Parti; DP). Diese vertrat die Interessen der "Großgrundbesitzer sowie der Handels-, Bank- und Industriebourgeoisie" (Hoffmann / Balkan 1985: 56). Mit dem Wechsel der regierenden Elite wurde auch ein Wandel des noch bestehenden Werte- und Normensystems eingeleitet.
b) Gründe für den sunnitischen Revisionsvorgang des bisherigen Werte- und Normensystems
Die Abschaffung des kemalistischen Parteienmonopols 1946 bewies, daß nicht wenige Wahlbürger trotz Reformen sunnitisch-religiös geblieben waren (vgl. Seufert 1997a: 74 ff.). Die DP, die den sunnitischen Islam präsentiert hatte (vgl. Gülcicek 1994: 35), gewann die Wahl von 1950 und löste die CHP als politische Regierungselite ab. Der schrittweise Prozess der sunnitischen-islamistischen Revision des bisherigen Werte- und Normensystems wurde durch die neue Regierung in Gang gesetzt. Das hatte einige Gründe:
· Sachzwang der demokratischen Legitimation der politischen Elite und der Herrschaftsordnung
Im Gegensatz zum bisherigen Einparteiensystem müssen bei einem Parteienwettbewerb die Parteien, die die Regierungsgewalt übernehmen wollen, die Wünsche des Elektorats berücksichtigen und wie Unternehmen Politik gegen Stimme wie Ware gegen Geld anbieten. Die künftige politische Elite muß, um die Gunst des Wahlvolkes zu erwerben bzw. mehrheitsfähig zu sein, seine Wünsche antizipieren. Die Gunst des Wahlvolkes bzw. die Loyalität der Beherrschten kann durch deren subjektive Identifikation mit der propagierten Eigengruppe bzw. Kerngesellschaft erfolgen. Da die tief verankerte kollektiv-religiöse Identität der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung trotz des Kemalismus gesellschaftlich noch vorherrschte, mußten Parteien, die die Regierungselite bilden wollten, sich künftig nach den ideologischen Wünschen der sunnitischen Mehrheit ausrichten. Die von der DP und ihren Nachfolgern in Aussicht gestellte sunnitische Reislamisierung war ein "einlösbares Wahlversprechen" (Werle / Kreile 1987: 50) The election campaign took also "the form of a crusade for liberation, a march against 'despotism', as the Democrats described it, which was epitomized in their famous poster – a raised hand with the caption artik yeter!, it is enough." (Karpat 1966: 161) Die Wahl von 1950 war somit auch ein Referendum, bei dem sich die Unzufriedenheit der religiös-sunnitischen Bevölkerung mit der CHP ausdrückte (vgl. Rinehart 1988: 56).
· Stärkung der Herrschaftsordnung der kapitalistischen Produktionsweise gegenüber dem Kommunismus durch Kontrolle religiöser Wahrnehmungsweise und Deutungsmuster
Die Einbindung der Türkei bzw. ihrer Elite in das westliche Bündnis gegen die UdSSR und das Interesse der Elite an der Verhinderung eines linksmotivierten Herrschaftsentzugs von Arbeitern und Bauern ließen den sunnitischen Islam als die einzig wirkungsvolle Abwehr- und Gegenideologie zum als 'atheistisch' verketzerten Kommunismus erscheinen. Ein Zitat von Ministerpräsident Menderes soll diese Vermutung stützen helfen:
"Wenn ich eine Moschee und einen Minarett aufbaue, glaube ich, daß ich gegen den Kommunismus und Moskau eine Festung gebaut habe. Aus diesem Grunde werden wir viele Institute und Moscheen aufbauen." (Menderes, zitiert von Bas 1992: 148)
Die demokratische Legitimation und der Schutz vorm 'Kommunismus und Moskau' führten auch zur von der Regierung gelenkten sunnitischen Islamisierung und damit auch zur Politisierung der Religion sowie zum graduellen Beginn des Wiederkehr der Fünf Säulen des Islam als Diskriminierungsmerkmale in die Öffentlichkeit. Diese waren wiederum die Ursache der künftigen Re-Diskriminierung der Aleviten. Denn die Kerngesellschaft wurde von der "Nation der westlich-zivilisierten Türken" graduell in die türkisch-sunnitische Religionsnation umgewandelt.
c) Sunnitisch-islamische Politik der DP durch neue Gesetze und Sozialisationsinstanzen
Die religionspolitische Haltung der neuen politischen Regierungselite kann auch durch die Worte des DP-Vorsitzenden und Staatspräsidenten der Türkei, Celal Bayar, skizziert werden: "Die Türken sind Muslime, und sie werden Muslime bleiben und als Muslime zu ihrem Gott eingehen." (Bas 1992: 147) Um den antizipierten Wahlverlust zu verhindern, hatte schon die Staatspartei CHP zwischen 1947-1950 vergeblich erste Zugeständnisse an den sunnitischen Islam gemacht und damit seinen Einzug als politischen Faktor Rechnung getragen[1].
Die DP schloß 1951 die als kemalistische Sozialisationsinstanzen benutzten Volkshäuser und Dorfinstitute (vgl. Yegen 1999: 187; Roth / Taylan 1982: 65f.). Der auch für Mädchen obligatorische Unterricht wurde auf dem Lande staatlich nicht mehr kontrolliert, so daß sich die religiös legitimierte Geschlechtertrennung als Norm wieder durchsetzen konnte (vgl. Roth / Taylan 1982: 66). Es entstanden Moscheebauvereine, die alte Gebäude restaurierten und neue für das Abhalten sunnitischer Gebetsrituale als Orte der Predigt des staatlichen Amtes für Religionsangelegenheiten errichteten (vgl. Spuler-Stegemann 1996: 237). Es wurden zur Regierungszeit der DP zwischen 1950 und 1960 mehr Moscheen als Schulen gebaut (vgl. Werle / Kreile 1987: 50). Der zur Einparteienzeit auf Türkisch erfolgte Gebetsruf des Muezzins ertönte wieder auf Arabisch. Dies brachte der DP den Titel "Retter des Islam" ein (vgl. Bas 1992: 148). Inhalte des Koran und sunnitisch-islamische Sendungen durften über die Medieninstanzen wieder verbreitet werden. Damit war der sunnitische Islam wieder in der Öffentlichkeit als Thema präsent: "Religious books and pamphlets again appeared with certain bookshops ... becoming centers of religious oriented activities." (Shaw / Shaw 1977: 409).
The DP encouraged "public celebrations of the major [religious; BG] holidays." (Shaw / Shaw 1977: 409) Mit den wieder offiziell gefeierten religiösen Feiertagen bestimmte der sunnitische Islam nun auch die Lebensführung der Bevölkerung. Die Abwesenheit an der Teilhabe am freiwilligen (sunnitischen) Religionsunterricht wurde durch die Einführung der Verpflichtung über die schriftliche Angabe von Gründen für das Fernbleiben erschwert (vgl. Werle / Kreile 1987: 50). Die einseitige Förderung des Sunnitentums war eine relative Benachteiligung für Aleviten. 1951 wurden die Imam-Hatip-Kurse zu Imam-Hatip-Schulen, also zu religiösen Sozialisationsinstanzen wie einst die osmanischen medrese ausgebaut (vgl. Bas 1992: 148)[2]. Die religiösen Ideen des sunnitisch-kurdischen Gründers des Nurcu-Ordens und ehemaligen Mitglieds des antirepublikanischen, separatistischen Kurdischen Freiheitskomitees (Kürdistan Teali Cemiyeti, KTC), Said-i Kürdi (Said-i Nursi), wurden von der DP-Regierung fortan nicht nur geduldet, sondern auch vom Regierungschef Menderes gefördert. Dieser besuchte den Ordensführer und küßte als Ehrerbietung dabei dessen Hand (vgl. Bulut 1995: 70; Kongar 1998: 151). Dies sollte die von Said-i Nursi charismatisch beherrschten Mitglieder dieses offiziell kriminalisierten, aber weit verbreiteten Ordens dazu bewegen, die DP zu wählen und so deren Herrschaft zu sichern. Dies war eine Signalwirkung für die gesenkte Sanktionshärte gegenüber den via Regierung staatlich rehabilitierten und geförderten sunnitischen Islamisten. "Religious leaders began to appear in public and once again preach opposition to Secularism." (Shaw / Shaw 1977: 409)
In den staatlichen Sozialisationsinstanzen, den Schulen, wurde der Islam verstärkt als Fundament der türkischen Religionsnation (propagierte Kerngesellschaft) dargestellt. Aus einem Schulbuch:
"Ich bin Türke, meine Religion ... und mein Stamm sind groß. Ich werde niemals erlauben, daß jemand das Buch des Propheten abschafft. Unsere Nation glaubt an Gott." (Dreßler 1999: 42)
Die Islamisierung des Begriffes der türkischen Nation bzw. seine Besetzung mit sunnitisch-islamischen Bedeutungsgehalt wertete zwar nationalistische und rassenbiologische Aspekte ab, hob aber im Gegensatz dazu sunnitisch-religiöse Elemente zur Abgrenzung der Kerngesellschaft hervor. Teile des alevitischen Glaubenssystems und Gebetshäuser wurden von der neuen Regierungselite nicht gefördert, was einer relativen Diskriminierung gleichkommt. Die kemalistischen Sechs Pfeile wurden somit teilweise von den Fünf Säulen ersetzt[3].
Gleichzeitig wurde der die Herrschaft der DP gefährdende Kommunismus als nicht nur eine atheistische, sondern auch unmoralische und somit antiislamische Bewegung und Ideologie dämonisiert. Die ländliche Bevölkerung wurde gegen linke Bewegungen mobilisiert: "Der Kommunismus will den Besitz aufteilen. Du bist verheiratet und hast eine Frau, die jetzt dir gehört. Willst du deine Frau mit anderen Männern im Dorf teilen?" (Roth / Taylan 1982: 71)[4] Durch Einführung weiterer Rechtsnormen (Todesstrafe für kommunistische Betätigung) wurde diese Bewegung zum abweichendem Verhalten deklariert und negativ sanktioniert.
Nach der Einführung des Mehrparteiensystems bestand die neue Kerngesellschaft nicht mehr aus der 'Nation der westlichen Türken', sondern nun aus der konservativen sunnitisch-türkischen Religionsnation. Linke, Aleviten und mikronationalistische Kurden, also die 'drei K's': Kizilbas (Rotköpfe), Kommunisten und (separatistische) Kurden galten nun als die neue Randgruppe. Religiöse sunnitische Kurden mit gleichzeitigen ethnischen Bewußtsein wurden durch die sie entdiskriminierende Reislamisierung in die Kerngesellschaft aufgenommen, wohingegen Aleviten als ideologisch deprivilegierte Personengruppe ausgestoßen wurden. Jede Herrschaftsordnung bringt seine eigenen Oppositionellen hervor. Während sie im osmanisch-sunnitischen Diskurs als 'Ketzer' und im modernistischen Kemalismus als 'Reaktionäre' bezeichnet worden, galten sie in der sunnitisch-türkischen, nationalkonservativ bis nationalreligiösen Türkei als 'Kommunisten' oder 'Ungläubige'.
a) Reaktive Verhaltensweise von Teilen der alevitischen Bevölkerung auf die DP
Nicht wenige religiöse Sunniten begrüßten die Politik der DP.
"In Ankara a preacher in the Tacüddin mosque gave thanks to God in the Friday prayer for having freed Turkey from the Government of the godless People's Party." (Heper 1985: 123)
Aleviten aber wehrten sich gegen die von der DP begünstigten wachsenden Einflußnahme des sunnitischen Islam und unterstützten als reaktive Verhaltensweise die säkularistische und 'linke' CHP, von der sie die Wahrnehmung ihrer Interessen versprachen (vgl. Sener 1995: 154; Yavuz 2000: 80).
b) Herrschaftskrise der politischen Regierungselite und der Militärputsch vom 27.05.1960
Die von der DP beschleunigte Industrialisierung führte Ende der 50er nach einem Boom zu einer erheblichen Inflation. Die ökonomische Verrandung und Unzufriedenheit der Bevölkerung und deren Proteste gegen die amtierende DP-Regierung waren die Folge. Die DP führte zur Sicherung ihrer Herrschaft einige Maßnahmen durch:
- Die Hochburg der Opposition, der Regierungsbezirk Kirsehir, wurde zwecks Minderung der wahlpolitischen Bedeutung zu einem Distrikt heruntergestuft,
- das Wahlgesetz zur Beschneidung der Rechte oppositioneller Parteien wurde verschärft,
- die Garantien für Beamte wurden zur Abschreckung vorm oppositionellen Verhalten aufgehoben,
- die Autonomie der Universitäten und damit der Wissenschaft wurde aufgehoben und die Hochschulen dem Erziehungsministerium unterstellt,
- regierungskritische Zeitungen (als Medien der Opposition) wurden verboten und Journalisten verhaftet (vgl. Kongar 1998: 153).
- Die Möglichkeit der parlamentarischen Anfrage an die Regierung wurde beschnitten (vgl. Weiher 1978: 116).
"Im Oktober 1958 kündigte Premier Menderes die Bildung einer 'Vaterländischen Front', einer Parteimiliz der DP, an, die bis 1960 über 143 Heime [als Sozialisationsinstanzen für DP-Anhänger; BG] und mehr als 300.000 Waffen bis hin zu Maschinenpistolen verfügte. Während es im Parlament immer häufiger zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen den Abgeordneten kam, nahm auch außerhalb des Parlaments die Gewalt gegen die Opposition zu; der CHP-Vorsitzende Inönü entging zweimal nur knapp einem Anschlag." (Weiher 1978: 116)
Anfang 1960 spitzte sich die Situation wegen der Vorverlagerung der Wahlen zu. Als die DP die Armee gegen die CHP einsetzen wollte, kam es zum offenen Streit zwischen militärischer und politischer Regierungselite: "Die Truppen, die Inönü auf einer Fahrt nach Zentralanatolien zur Umkehr zwingen sollten, ließen ihn unter militärischer Ehrenbezeugungen passieren." (Weiher 1998: 116-117) Die parlamentarische DP-Mehrheit setzte einen aus 15 DP-Mitgliedern bestehenden, mit Rechten eines Richters und Staatsanwalts ausgestatteten Untersuchungsausschuß gegen die CHP und die oppositionelle Presse ein und verbot alle parteipolitischen Aktivitäten für drei Monate. Der Ausschuß besaß zur Sicherung der Herrschaft der Regierungselite die Vollmachten, ohne Berufungsmöglichkeit Zeitungen zu schließen und zu beschlagnahmen, alle politischen Aktivitäten und Versammlungen zu verbieten, Eigentum zu beschlagnahmen und Personen abzuurteilen (vgl. Kongar 1998: 154; Weiher 1978: 117). Diese Maßnahme war der Anlaß von Massendemonstrationen und der Ausweitung des Kampfes zwischen der neuen politischen DP-Regierungselite und den bisherigen kemalistischen administrativ-militärischen Elitenfraktionen mittelständischer Herkunft:
"Das ... Gewicht der klassenspezifischen Interessen der Militärs wird daran deutlich, daß sie durch politische und wirtschaftliche Repressionen und Repressionsversuche gegen die bisher herrschende Schicht (allerdings vergeblich) versuchten, die Verdrängung der alten bürokratischen Mittelschicht aus den dominierenden Macht- und Statuspositionen durch die [von der DP vertretene; BG] neue unternehmerische und freiberufliche Mittel- und Oberschicht rückgängig zu machen." (Weiher 1978: 138)
Beim Kampf um die Herrschaft putschte sich schließlich am 27.05.1960 ein aus 38 Offizieren bestehendes 'Komitee der Nationalen Einheit' an die Macht und übernahm die Regierungsgewalt (vgl. Shaw / Shaw 1977: 414). Die DP wurde verboten, führende DP-Mitglieder angeklagt und einige (darunter auch Menderes) zum Tode verurteilt.
www.alewiten.com, 17.12.2002
[1] Die rituelle sunnitische Wallfahrt nach Mekka als eine der Fünf Säulen des Islam wurde von der CHP nach der Aufhebung der Devisenbeschränkung wieder eingeführt. Es wurde eine erste Theologische Fakultät (als sunnitisch-islamische Sozialisationsinstanz) an der Ankaraner Universität eröffnet, an der sunnitisch-islamische Werte, Normen, Weltwahrnehmungsweise, Deutungs- und Verhaltensweisen vermittelt wurden. Die Aufsicht über die Theologen wurde dem Präsidium für Religionsangelegenheiten übertragen. Der freiwillige ausschließlich sunnitische Religionsunterricht für alle und damit auch alevitische Muslime wurde in den Grundschulen eingeführt. Die ersten Imam-Hatip-Kurse (Kurse zunächst zur Schulung sunnitischer Vorbeter und Prediger) wurden eröffnet (vgl. Bas 1992: 147).
[2] Diese Schulen entwickelten sich später zur Wählerbasis der von Necmettin Erbakan angeführten sunnitisch-islamistischen Parteien MNP, MSP, RP. Diese mußten deshalb vom Militär 1997 eingeschränkt werden, um dem politischen Islam einzudämmen (vgl. Engin 1998a).
[3] Bis auf den Republikanismus wurde alles zumindest teilweise verändert. Der Säkularismus wurde durch die sunnitische Reislamisierung eingeschränkt. Der Nationalismus durch die partiell religiöse Definition relativiert, die staatliche internationale Unabhängigkeit gegen über der USA aufgehoben. Der Staatsdirigismus wurde von der neuen unternehmerischen Oberschicht zugunsten der Wirtschaftsliberalisierung eingeschränkt. Der Modernismus wurde revidiert. Damit wurden kemalistische Werte und Normen zugunsten des sunnitischen Islams relativiert.
[4] Es sollte untersucht werden, ob dieses sexuelle Motiv in einem Zusammenhang mit dem tradierten Vorurteil des 'Kerzenausblasens' steht.