3. Zusammenfassung
Nach der Einführung des Mehrparteiensystems nach der Ausdifferenzierung der sozialökonomischen Elite wurde die kemalistische Staatselite 1950 von der Vertreterin der wirtschaftlichen Oberschicht, der Demokratischen Partei, abgelöst. Diese leitete nach ihrem Sieg mit ihrem religiösen Wahlversprechen die sunnitische Revision der säkularen Ordnung ein. Gründe für diesen Schritt war die nun mit dem politischen Parteienwettbewerb verbundene demokratische Legitimation der politischen Regierungselite und der ideologische Schutz der Wirtschaftsordnung vor dem "Kommunismus und Moskau". Die DP von Adnan Menderes förderte den Moscheebau, die Eröffnung der religiösen Prediger- und Vorbetergymnasien (Imam-Hatip-Schulen), schaffte kemalistische Sozialisationsinstanzen (Volkshäuser, Dorfinstitute) ab, erschwerte die Abwesenheit vor dem fakultativen wieder neu eingeführten sunnitischen Religionsunterricht, führte wieder den arabischen Gebetsruf ein und suchte den Ausgleich mit dem von den Kemalisten kriminalisierten Bruderschaften. Die graduelle Islamisierung des türkischen Nationbegriffes an türkischen Schulen und die staatliche Verbreitung der Religiosität in der Gesellschaft war ein Zeichen der Umdefinition der Kerngesellschaft der "Nation der zivilisierten Türken" zu den "Moslem-Türken", wovon Kommunisten, (separatistische) Kurden und Aleviten ideologisch ausgeschlossen worden.
Als Wirtschaftskrisen die Unzufriedenheit im Volke erhöhten, begann die regierende DP gegen die postkemalistische CHP und andere Oppositionelle durch den Mißbrauch der Verfassung (Verbot oppositioneller Zeitungen, Drangsalierung der Opposition, Einsatz eines übermächtigen DP-Untersuchungsausschusses gegen die Opposition, Änderung des Wahlrechts) vorzugehen. Die DP wurde durch einen Staatsstreich von der Regierungsgewalt gedrängt (27.5.1961), eine neue Verfassung mit sozialen und demokratisch-rechtsstaatlichen Reformen sowie Grundrechten eingeführt. Die AP Süleyman Demirels, die die Politik des durch diesen Staatsstreich gestürzten und hingerichteten Premiers Menderes fortführte, benutzte die sunnitisch-islamische Religion beim Wahlkampf, führte die weitere sunnitische Islamisierung der Gesellschaft durch den Bau weiterer Moscheen und Prediger- und Vorbetergymnasien als neue religiöse Sozialisationsinstanzen fort. In den als Medieninstanzen benutzten Moscheen wurden Musterpredigten des Religionsamtes zur islamischen Beeinflussung der Verhaltensweisen der sunnitischen Beherrschten im Interesse der Herrschenden gehalten und religiöse Riten zur zeremoniellen Stiftung muslimisch-orthodoxer Kollektividentität durchgeführt. In den religiösen Lehranstalten wurden immer mehr Schülerinnen und Schüler sunnitisch-islamisch sozialisiert. Aber mit der Re-Politisierung der Religion wurde über die Rückkehr der als Diskriminierungsmerkmale benutzten Fünf Säulen des Islam in die Öffentlichkeit auch eine Konfessionalisierung der Politik in die Wege geleitet, da mit der sozialen Geltung der Fünf Pfeiler Aleviten zwangsläufig zu abweichenden Außenseitern wurden. Die Politisierung der Aleviten wegen ihrer kritischen Distanz zum sunnitisch dominierten System und ihr politisches Engagement zwecks Verbesserung ihrer eigenen Lage waren Folgen der zunehmenden antialevitischen Religiosität der Sunniten. Während der Zunahme der auch durch die neue Verfassung begünstigten politischen Aktivitäten kam die verweltlichte, städtische und studierende alevitische Jugend mit dem Sozialismus in Berührung. Die Folge war eine Polarisierung der Gesellschaft zwischen linken Aleviten und rechten religiösen Sunniten Ende der Sechziger Jahre. Die Polarisierung wurde durch die Verstärkung der oft von Aleviten unterstützten Linken im Parlament, Gewerkschaften und militanten Organisationen verschärft. Die AP benutzte religiös-sunnitische und rechtsradikale Bewegungen als Gegengewicht bzw. Straßenmacht, um die Sicherheit ihrer Herrschaft und der des Großbürgertums sowie der Großgrundbesitzer vor Linken aufrechtzuerhalten. Neben dem Bau weiterer Moscheen, Eröffnung der sunnitischen Vorbeter- und Predigergymnasien wurden durch die mit ihr verbundenen islamischen Bruderschaften öffentliche rituelle "Gebete gegen den Kommunismus" organisiert, die Ausbildung von Todesschwadronen der Grauen Wölfe gegen die oft von Aleviten unterstützte Linke in Ausbildungslagern zumindest toleriert. Die Folge waren Straßenschlachten zwischen politischen Extremisten und Pogrome gegen die als kommunistisch verketzerte alevitische Bevölkerung mit Toten, Verletzten und Sachschäden.
Um die Sicherheit der sozialökonomischen Elite vor linken Organisationen zu gewährleisten, griff am 12.3.1971 zum zweiten Mal das Militär ein. Die Armee hatte durch das Eigentum an dem OYAK-Konzern seine materielle Interessenslage und damit politischen Standort verändert: Das Kriegsrecht zur Aufhebung individueller Rechte und Freiheiten der Beherrschten zwecks erleichterter Verfolgung von linken Extremisten wurde in einigen Provinzen eingeführt, Personen massenhaft verhaftet, Angehörige linker Organisationen abgeurteilt und zum Teil hingerichtet, wohingegen militante Rechte eher verschont wurden. Nach der zweijährigen Herrschaft einer vom Militär abhängigen überparteilichen Regierung wurden wieder freie Wahlen abgehalten. Die mit den Stimmen sunnitischer Islamisten ins Parlament gewählte Nationale Heilspartei MSP erreichte als Juniorpartnerin in der Koalition mit der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei CHP durch die Zulassung der islamisch-orthodox sozialisierten Absolventen der Prediger- und Vorbeterschulen an die Polizeiakademie weitere Zugeständnisse. Während der bürgerkriegsähnlichen Zustände zwischen 1975 und 1980, bei dem sich die Regierungen der CHP und der 'Nationalistischen Front' (AP+MHP+MSP) jeweils ablösten, wurden die bis zu Massakern reichenden Pogrome von Angehörigen und Sympathisanten der Grauen Wölfe zum Teil mit Hilfe von nationalreligiösen Teilen der Sicherheitskräfte gegen die als kommunistisch bzw. atheistisch verketzerte alevitische Zivilbevölkerung in Corum, Maras, Malatya und Sivas durchgeführt. Diese Erfahrungen der Herabsetzung traumatisierte Aleviten und stärkte bei ihnen das Gefühl, als Kämpfer gegen Unrecht jahrhundertelang von sunnitischen Herrschenden ausgegrenzt zu sein. Aleviten, die bei den Wahlen in den Siebzigern auch als Sündenbock für Wirtschaftskrisen herhalten mußten, wurden durch die 'Nationalistische Front' als heterodoxe Nichtsunniten, Weltliche, Linke ideologisch dreifach verrandet. Da die politische Regierungselite aus der Gerechtigkeits-, Nationalen Heils- und der Nationalistischen Aktionspartei bestand, wurde die administrative Elite von ihren konservativen bis religiösen sunnitischen Angehörigen besetzt, weitere Moscheen, Korankurse und Prediger- und Vorbeterschulen zur weiteren gesellschaftlichen sunnitischen Islamisierung eröffnet.
Um die politische Stabilität wiederherzustellen und die Forderungen des IWF zur weiteren Liberalisierung der Wirtschaft zugunsten des türkischen Großbürgertums leichter ohne nennenswerte linke Opposition einzuführen, intervenierte am 12.9.1980 die durch das Eigentum am OYAK-Konzern zur unternehmerischen Oberschicht gehörende Militärelite. Wiederum wurden eher die von den Aleviten unterstützten Linken inhaftiert und abgeurteilt und die bisherige Verfassung durch eine restriktive ersetzt. Nach dem Militärputsch wurde die nationalreligiöse Türkisch-Islamische Synthese, die türkische Sunniten bzw. sunnitische Türken zur Kerngesellschaft erklärte, von der mit der nationalen Kulturplanung beauftragten Hohen Atatürk-Einrichtung für Kultur, Sprache und Geschichte (AKDTYK) zum halboffiziellen Werte- und Normensystem der Türkei erhoben. Das anvisierte Ziel war die Aufrechterhaltung der Herrschaft der sozialökonomischen Elite der Landlords und Großbürgertums durch ihre ideologische Sicherung vor linken als atheistisch gebrandmarkten Bewegungen, durch ihre soziale Legitimation in der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft und durch die islamische Heranführung sunnitischer Kurden. Darüber hinaus wurde staatlich die von sunnitisch-islamistischen Kurden dominierte Hizbullah gegen die damals marxistisch-leninistische und vermutlich von kurdischen Aleviten dominierte separatistische Kurdische Arbeiterpartei unterstützt und ostanatolische Muslime von der türkischen Armee erfolgreich gegen die PKK religiös mobilisiert. Der "Konflikt niedriger Intensität im Südosten" (Kislali 1996) wurde konfessionalisiert: Sunnitische Dörfer wurden von der Kurdischen Arbeiterpartei überfallen. Ihnen wurde vermutlich auch aus konfessionellen Gründen Staatstreue zugeschrieben, wohingegen vordringlich alevitische Dörfer von staatlichen Sicherheitskräften durchsucht und zwangsgeräumt wurden. Deren Bewohnern wurde Kollaboration mit der PKK vorgeworfen. Zur Durchsetzung nationalreligiöser Werte und Normen wurden u.a. immer mehr Imam-Hatip-Schulen als religiöse Lehranstalten und Moscheen als Medieninstanzen und Kultorte für die dauerhafte Verbreitung und Verankerung des sunnitischen Islam in der Gesellschaft eröffnet, der sunnitische Religionsunterricht für alle auch alevitische Moslems zwangsweise eingeführt, Koranschulen geduldet bzw. gefördert und der Islam in den staatlichen Medien thematisiert. Der Zugang der religiös sozialisierten Absolventen der Imam-Hatip-Gymnasien an die Hochschulen wurde nun auch gewährt, die über den Bildungsweg als eine Art ülema Einlaß zur bürokratischen Elite der Türkei erhielten.
Dem Präsidium für Religionsfragen, der als eine rein sunnitische Institution der islamischen verbeamteten Geistlichen fürs Abfassen religiöser Rechtsgutachten zur Legitimation staatlichen Handels oder zur Beeinflussung von Beherrschtenverhaltens mit dem Amt des Scheichülislams zu vergleichen ist, wurde ein großes Budget zugewiesen. Das Alevitentum wurde im Gegensatz dazu im Religionsunterricht nicht berücksichtigt oder im Religionsamt nicht repräsentiert und Moscheen auch in alevitischen Dörfern gebaut, was die These der erwünschten Assimilation der von der nationalreligiösen Türkisch-Islamischen Synthese ideologisch verrandeten Aleviten stützt. Die Geltung nationalreligiöser türkisch-sunnitischer Normen veranlaßte Aleviten, ihre bisherige Verhaltensweise des Verschweigens ihrer Herkunft nach Außen fortzuführen. Denn die jahrzehntelange sunnitische Reislamisierungspolitik konservativer Regierungskreise trug ab Mitte der Achtziger neben den die Bevölkerung verunsichernden Wirtschaftskrisen zum Wiedereinzug der sunnitischen Religiosität in der Öffentlichkeit bei: Immer mehr Moscheen, Prediger- und Vorbetergymnasien, Korankurse wurden besucht, und Rundbärtige Männer sowie verschleierte Frauen prägten immer mehr das Straßenbild in nahezu allen Städten der Türkei.
Die Zunahme religiöser Sunniten in der Öffentlichkeit ließ weltliche Sunniten sowie Aleviten äußerlich für alle deutlich sichtbar unterscheidbar machen und steigerte auf diese den äußeren Anpassungsdruck zur öffentlichen Einhaltung sunnitischer Normen des Alkoholverbots, der Gebetsgebote, der Fastenvorschriften im Ramadan, der Geschlechtertrennung und 'züchtigen' Kleidung zum Beispiel auf der Straße, in Restaurants oder auch in einigen Schulen. Weltliche Sunniten und Aleviten, die sich der zunehmenden sozialen Kontrolle widersetzten, mußten mit verbaler und nonverbaler Gewalt rechnen. Die Abschaffung des Antiislamismusparagraphen durch die Regierung Özal ermutigte Anhänger des politischen Sunnitenislam durch eigene Medien, Konzerne und Parteien Propaganda für die Einführung des sunnitischen Gesetzes (Scharia) zu machen.
Mit der Wiederkehr der Religiosität wurden auch jahrhundertealte Vorurteile den Aleviten gegenüber in zumindest einigen Schulen und Lehrbüchern sowie Medien verbreitet und deren Angehörige in Sivas bzw. Gazi von religiösen Sunniten bzw. nationalreligiösen Teilen der Polizei umgebracht. Diese Mitte der Neunziger erlittenen traumatisierenden Opfererfahrungen und die einseitige Parteinahme von Teilen der regierenden politischen Elite, Sicherheitskräften und Medien verstärkten ihre reaktive Abkehr von der Kerngesellschaft. Nun sind es die Aleviten, die seitdem als Reaktion auf Diskriminierung konfessionelle und religiöse Bezugsmerkmale zur Hervorhebung ihrer Eigenidentität und zur Abgrenzung von dem sunnitisch-dominierten Staat und Gesellschaft heranziehen. Diese Bezugsmerkmale sind Stigmasymbole, 'typische' Einstellungen, Redewendungen oder offensive Insubordination gegenüber islamisch-orthodoxen Werten und Normen. Die Abkehr von der Kerngesellschaft drückt sich durch ihre offene Rebellion, durch ihre Politisierung, ihren Zulauf bei linksradikalen militanten Organisationen, ihrer Religiosität (vermehrte Teilnahme an den rituellen Cem-Zusammenkünften) oder durch ihr öffentliches Coming out aus. Davon abgesehen ist auch eine soziale Selbstverrandung zu beobachten, da nicht wenige Aleviten eine Distanz auch zu relativ liberalen Sunniten wahren, in 'eigene' Cafés gehen und bei 'eigenen' Händlern einkaufen. Das gesellschaftliche Phänomen des Revivals drückt sich in der seit Anfang der Neunziger erhöhten Publikation von Zeitschriften und Büchern über die Alevitenthematik aus.
Es ist bei den von alevitischen Vereinen organisierten Erinnerungsritualen, in den mit Saz gesungenen neuen Volksliedern, auf den abgehaltenen Ausstellungen, Gedenk- oder Kulturveranstaltungen ein Opferdiskurs zu bemerken. Dieser Opferdiskurs verstärkt mit der historischen Bezugnahme auf die Massaker neben den nun öfter abgehaltenen Cem-Zeremonien und dem Rekurs auf die Lehren der eigenen Religion die kollektive Identität der Aleviten als eine fortschrittliche Glaubensgemeinschaft mit Widerstandstradition, die jahrhundertelang permanent von Sunniten unterdrückt werde. Zu diesem Zwecke wurden neben der von den Schiiten übernommenen und als Gründungsmythos benutzten Kerbela-Passion auch historische Erfahrungen der Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung während der Seldschuken- und Osmanenzeit sowie in den letzten Jahrzehnten der Republik hervorgehoben und in einen gemeinsamen Zusammenhang gebracht. Dabei werden die Zusammenarbeit der Bektaschiten mit der osmanischen Dynastie, die graduelle Emanzipation der Aleviten-Bektaschiten unter den Jungtürken nicht erwähnt. Die antiislamistische Herrschaftszeit der die Aleviten am stärksten entdiskriminierenden Kemalisten wird wegen der alevitischen Umdeutung der Niederschlagung des zaza-kurdischen Dersim-Aufstands und des Ausbleibens der offiziellen Anerkennung als Konfession nun heruntergespielt.
Am 28.2.1997 haben die sich als Kemalisten verstehenden Militärs hauptsächlich sowohl zur politischen Sicherung der bisherigen Herrschaft vor dem immer stärker werdenden und im Gegensatz zu Türk-Islam Sentezi noch religiöseren Islamismus als auch zur Verdrängung islamischer Konkurrenten des zur Armee gehörenden OYAK-Konzerns eine Containment-Politik eingeleitet. Diese besteht primär aus dem Sturz der seit 1996 regierenden islamistischen MSP-Nachfolgerpartei Refah und der Verrandung ihrer politischen Nachkommen, der Abschaffung der Mittelstufe der Imam-Hatip-Schulen, der Überwachung von Korankursen und der Brandmarken religiöser Firmen. Diese Eindämmungspolitik vermag die Entfremdung der Aleviten nicht vollkommen umzukehren. Vor allem die in der europäischen Diaspora ohne Behinderung Kultur-, politische, religiöse, Gedenk- und künftig auch schulische Veranstaltungen abhaltenden türkeikritischen Alevitenvereine stellen offensiv Forderungen für ihre Gleichstellung der Glaubensgemeinschaft.
Das letzte Kapitel faßt die Befunde zusammen und enthält neben einem möglichen Ausblick in die Zukunft auch methodologische Selbstkritiken des Autors.
www.alewiten.com, 17.12.2002