2.2 Zur Rolle alevitischer Organisationen bei der Konstruktion alevitischer Identität

Ein Zeichen für das Revival ist die verstärkte Gründung von alevitischen Vereinen und Organisationen in türkischen Städten und in Westeuropa. Die höchsten Funktionäre der Vereine gehören in der Türkei und in der Diaspora zur 'transnationalen Elite', wobei sie die Aleviten gegenüber Regierungen und NGOs zu repräsentieren suchen. Dazu gehören Ali Dogan, Chef des Haci Bektas Veli Anadolu Kültür Vakfi (Ankara), Izzettin Dogan, Präsident der CEM-Vakfi (Istanbul) oder Turgut Öker, der das Amt des Vorsitzenden der größten alevitischen Dachorganisation in der Bundesrepublik, der Föderation der Alevitengemeinden in Deutschland (Avrupa Alevi Birlikleri Federasyonu, AABF) bekleidet (vgl. Sökefeld / Schwalgram 2000: 21).

a)     Cem-Riten und religiöse Unterweisung

Diese Vereine organisieren nicht selten die nächtlichen zeremoniellen Cem-Zusammenkünfte zur rituellen Konstruktion alevitischer Identität, Saz- und Semah-Kurse, vermitteln sogar noch vor dem eigentlichen Initiationsritual den Kursbesuchern alevitische Werte und Normen. Mit der Organisierung der Cem-Riten und der neuen Religiosität der Aleviten haben die Dede, die diese Zeremonien leiten, einen Bedeutungszuwachs in der Gemeinde wiedererlangt (vgl. Kehl-Bodrogi 1996: 57). Diese Aussage gilt allerdings eingeschränkt. Denn mit der Modernisierung und Urbanisierung werden ja Werte und Normen nun durch die Vereine verbreitet. Damit ist das Informationsbesitzmonopol der Dede in dem Zeitalter der 'organisierten Gesellschaft' durch die Vereine gebrochen. Die religiösen Führer werden durch die Vereinsstrukturen entlastet (vgl. Yavuz 2000: 91). Sie haben somit aber auch nur einen symbolischen Wert. Da die Anonymität der Städte die Kontrolle der konfessionellen Herkunft im Gegensatz zu dem Dorfauge erschwert, sind auch die Cem-Zeremonien entgegen den konventionellen alevitischen Werten und Normen für alle offen (vgl. Kehl-Bodrogi o.J.: 3), und es werden alevitische Lehren und Riten allen Kursbesuchern vermittelt, ohne daß wirkungsvoll kontrolliert werden kann, wer Alevite ist und wer nicht. Mit der Vermittlung alevitischer Werte und Normen durch Kurse an Besucher kann das Schweigegebot, Außenstehenden religiöse Inhalte des Alevitentums nicht weiter zu geben, auch nicht Aufrecht erhalten werden. Die Vermittlung von Werten und Normen könnte durch den in der Bundesrepublik neu eingeführten Islamunterricht an deutschen Schulen von den Vereinsbesuchern auf alle alevitische Schüler ausgeweitet werden (vgl. Kaplan 2001). Die Vermittlung alevitischer Werte und Normen erfolgt innerhalb eines Rahmens für alle einheitlich und in den Kursen oder im schulischen Unterricht auch in schriftlicher Form. Dies ist eine Abkehr zur alevitischen Tradition, wonach Werte und Normen nur den Gemeindeangehörigen bei einem Initiationsritus nur vom Dede mündlich offenbart werden. In zumindest westeuropäischen Alevitenvereinen werden vereinsangehörige Aleviten verschiedener anatolischer Distrikte (ocak) zusammen von einem Dede aus der örtlichen Umgebung betreut. Mit dem Ende der Kontrolle der konfessionellen Herkunft bei den Cem-Riten öffnet sich das Alevitentum und paßt sich den gesellschaftlichen Umständen (Vereinsgründung, Landflucht, Auslandsmigration) an. Ein weiterer Grund für die Öffnung ist der Wunsch, soviel Personen wie möglich zu erreichen und durch die Transparenz zumindest einige Vorurteile abzubauen.

b)    Kulturveranstaltungen

Darüber hinaus organisieren die Vereine das Abhalten von weiteren rituellen Versammlungen anläßlich der Vergabe der zeremoniellen Speise Asure nach dem Muharrem-Fasten; halten Kulturveranstaltungen mit berühmten alevitischen Sängern wie z.B. Arif Sag oder Musa Eroglu ab, deren (Volks-)Lieder die Kultur musikalisch aufrechterhalten. Es werden alevitenbezogene Paneldiskussionen und Riten der Erinnerung an Massaker in Geschichte und Gegenwart (zum Beispiel in Sivas) im Rahmen des Opferdiskurses veranstaltet (vgl. Sökefeld / Schwalgram 2000: 19). Diese Veranstaltungen dienen auch dazu, die Alevitenthematik ständig am Laufen zu halten.

Jedes Jahr zwischen dem 16.-18. August findet in Hacibektas zu Ehren des gleichnamigen Derwischs, nach dem der Ort Sulucakarahöyük umbenannt wurde, ein alevitisches Kulturfestival mit Cem-Zeremonien statt, an dem inzwischen Vertreter des türkischen Staates und der Regierung als Besucher teilnehmen, um Teile der alevitischen Bevölkerung zu kooptieren.

Anläßlich des Jahrtausendwechsels fand am 13.Mai 2000 das von der AABF in Köln veranstaltete "Epos des Jahrtausends" (Bin Yilin Türküsü) statt. Dabei spielten 1.246 alevitische Barden mit Saz gleichzeitig und einheitlich die gleichen mystischen Songs, während 674 Frauen und Männer den rituellen Pärchentanz Semah vorführten. Diese rituelle Handlung[1] transformierte die subjektiven Gefühle der Teilnehmer durch ein "Prozeß der >Selbstcharismatisierung< der Gemeinschaft" (Soeffner 1992a: 116) in ein tiefbewegendes Gruppenerlebnis und konstruierte so kollektive Identität der Teilnehmer (vgl. Redaktion der Alevilerin Sesi 2000: 5-8).

Im Rahmen der Riten der Erinnerung an Opfererfahrungen werden anläßlich der Jahrestage der Massaker von Sivas (2.7.1993) oder Gazi (12.3.1995) Diskussionsforen, Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen, Konzerte oder Seminare im Rahmen des Opferdiskurses veranstaltet. Dabei vergegenwärtigen sich die daran teilnehmenden Aleviten an die Vergangenheit. Der Vorgang der Erinnerung schafft eine Vergangenheit, die wiederum jene historisch kontinuierlich unterdrückte Glaubensgemeinschaft mit fortschrittlicher Widerstandstradition gründet, in dem der Prozeß der Erinnerung stattfindet.

www.alewiten.com, 17.12.2002


 

[1] Laut Oppitz 'Montageplan' (1999: 73) besteht das Material aus dem Ort, der Kölner Arena; dem Instrument Saz und der einheitlichen Kleidung (weißes Hemd, dunkle Hose) etc.. Der Klang wird durch Gesang, Saz-Musik und Orchesterbegleitung erzeugt. Die Sprache besteht aus dem Gesang der mystischen Lieder. Zur Bewegung gehört das geordnete Sitzen aller Barden in Reih und Glied sowie die Semah-Tanzeinlagen.