2. Über die reaktive Verhaltensweise der Aleviten seit ihrer Verrandung
Die subjektive Einschätzung der Wahrscheinlichkeit der Bedrohung der konfessionellen Sicherheit der Aleviten durch die Sunniten war so hoch, daß es zu deren offener konfessionellen Dissimilation bzw. Revival[1] im Sinne einer Wiederbelebung der alevitischen Identität oder dessen, was man als alevitische Identität auszumachen glaubt, gekommen ist. Zunehmende Vereinsgründungen, die sich durch verstärkte Teilnahme an Cem-Riten zeigende Rückbesinnung auf ihre durch ihre Säkularisierung vergessenen alevitischen Werte und Normen, Politisierung, Outings (vgl. Kehl-Bodrogi 1996: 56), Automarginalisierung sind als reaktive Verhaltensweise auf Verrandung oft die Folge.
Das Revival des Alevitentums schlägt sich auch in hunderten veröffentlichten Büchern seit dem Ende der Achtziger und Mitte der 90er Jahre nieder (vgl. Engin 1996). Es sind zahlreiche alevitische Periodika wie z.B. Cem, Pir Sultan Abdal, Kavga, Gönüllerin Sesi, Karacaahmet Sultan, die der PKK nahestehende Zülfikar und Pir, die protürkischen Blätter Haci Bektas Veli und Genc Erenler oder Ehl-i Beyt Dünyasi in der Türkei und Alevilerin Sesi in Westeuropa erschienen oder haben seit dem ihre Auflagen vervielfacht.
Es kommt wegen dem technischen Fortschritt zur Erschließung neuer Bereiche zur medialen Konstruktion der alevitischen Identität. Dem Alevitentum kann man sich im Internetzeitalter auch auf dem Datenhighway nähern. Verschiedene Vereine, Akademikerverbände, virtuelle Diskussionsforen[2] sind online. Dazu zählen u.a. (hier ohne 'www.'): sahkulu.org, aleviyol.com, tahtacilar.com, alevi.com, cemvakfi.org, pirsultanabdal.8m.net, karacaahmet.org..
Seit etwa 1993 sind zahlreiche Radiosender auf Sendung gegangen, die ihre Schwerpunkt auf alevitische Musikkultur legen. In TV-Diskussionssendungen setzt man sich mit dem Thema auseinander, während Musikprogramme oft alevitische Sänger einladen (vgl. Vorhoff 2000: 61, Fußnote 6).
Ein Ziel des Revivals ist es vermutlich, die wahrgenommene sunnitische Bedrohung auszubalancieren, da nach alevitischer Vermutung die eingeschätzte Chance der Diskriminierung durch Sunniten hoch ist. Um sich aktiv zur Verbesserung ihrer eigenen Lage einzusetzen, werden seit dem staatlich geduldete alevitische Vereine gegründet (vgl. Aydin 1997: 88f.). Anders gewendet: Aleviten gehen davon aus, daß sie niemals zur Kerngesellschaft gehören und einen Platz darin finden werden. Darüber hinaus können sie davon ausgehen, daß auch ihre physische Sicherheit gefährdet ist, so daß auch kein Anreiz mehr besteht, sich dem sunnitischen Werte- und Normensystem unterzuordnen. Ein weiteres Indiz für die offene Rebellion ist ihre Überrepräsentierung in linksradikalen, terroristisch einzustufenden Organisationen wie 'Front der Revolutionären Volksbefreiungspartei' (Devrimci Halk Kurtulus Partisi-Cephesi, DHKPC), 'Befreiungsarmee der Arbeiter und Bauern der Türkei' (Türkiye Isci Köylü Kurtulus Ordusu, TIKKO)[3] und Kommunistische Partei der Türkei / Marxisten-Leninisten (Türkiye Komünist Partisi / Marksist-Leninist, TKP / ML). Engin meint, mit der Unterlassung der politischen Lösung des Alevitenproblems im Parlament sei es indirekt zur erhöhten Tätigkeit dieser militanten Organisationen gekommen (vgl. Engin 1999b: 250). Die militante Politisierung der Aleviten ist somit als eine Folge ihrer Verrandung durch die Türkisch-Islamische Synthese zu betrachten.
www.alewiten.com, 17.12.2002
[1] Die Reaktion auf den sunnitischen Islamismus scheint nicht der einzige Grund für das alevitische Revival zu sein. Laut Camuroglu sei das Alevitentum eine sinnstiftende Instanz zum Ausfüllen des durch den Ende der Achtziger stattfindenden Zusammenbruch des Sozialismus wichtig geworden. Eine weitere Ursache für die Betonung konfessioneller Identität ist der Versuch der Überbrückung entstandener Gräben zwischen turkstämmigen und kurdischen Türken innerhalb der alevitischen Glaubensgemeinschaft (vgl. Camuroglu 1997: 26-27). Außerdem werde die Wiederbelebung des Alevitentums auch staatlich gefördert, um durch die Heranführung von Teilen der Aleviten an die türkisch-islamische Kerngesellschaft ein Bündnis zwischen PKK'lern und verrandeten Aleviten zu verhindern oder alevitische Kurden und Zazas durch Bereitstellung einer alternativen konfessionellen Identität von der PKK fernzuhalten (vgl. Perincek 1993: 148 ff.; Erdemir o.J.: 2; van Bruinessen 1997: 15, 18)) sowie mit den Aleviten eine für das Herrschaftssystem auch zu gefährlich werdende sunnitisch-islamische Bewegung auszubalancieren (vgl. van Bruinessen 1997: 15; Erdemir o.J.: 2). Damit hat auch das alevitische Revival eine herrschaftsstabilisierende Wirkung, indem die PKK-Bewegung nicht mehr auf alevitische Zazas und Kurden zurückgreifen kann und sunnitische Radikalreligiöse ausbalanciert werden.
[2] In diesen Foren wird Alevitentum durch Forumsbeiträge kommunikativ hergestellt.
[3] Der alevitisch dominierten TIKKO wird nachgesagt, daß sunnitischstämmige Mitglieder aus Gründen konfessioneller Diskriminierung nicht in führende Gremien zugelassen werden.