1.4 Ausschnitthaftes über die Aleviten seit dem Putsch vom 12.9.1980 und der Einführung der Türkisch-Islamischen Synthese als neues Werte- und Normensystem bis zum Memorandum der Armee vom 28.2.1997
a) Zu den Ursachen und zum Verlauf des Staatsstreichs
Um die durch die Straßenkämpfe gefährdete innere Sicherheit bzw. politische Stabilität und Ordnung der Herrschenden zu gewährleisten, übernahm das Militär am 12.9.1980 die Regierungsgewalt (vgl. Werle / Kreile 1987: 60). Ein weiterer Grund war die Beseitigung der parlamentarischen Obstruktion und der bestehenden Vetomächte sowie möglicher Widerstandskräfte gegen die Durchsetzung der vom türkischen und ausländischen Großbürgertum erwünschten Wirtschaftsforderungen des IWF. Das sollte das bisherige vom kemalistischen Staatsdirigismus beeinflußte 'gemischte' Wirtschaftssystem weiter liberalisieren:
"Statt Einfuhren durch eigene Produktion überflüssig zu machen, sollten nunmehr die Importe durch steigende Exporte bezahlbar gemacht werden. Von der Großindustrie wie von den Militärs wurde dieses Eingreifen des IWF ausdrücklich begrüßt, und als die letzte zivile Regierung unter Demirel mit der Durchsetzung Schwierigkeiten hatte, putschten die Militärs, um in der Folgezeit konsequent die IWF-Forderungen in die Tat umzusetzen." (Werle / Kreile 1987: 60; Roth / Taylan 1982: 171)
Die Armee war durch ihre Herbeiführung des Friedens durch die militärische Beendigung der Straßenkämpfe auch gesellschaftlich von den Beherrschten als legitim betrachtet worden:
"Von der Eskalation der Gewalt zermürbt, ging nach dem Staatsstreich ein Aufatmen durch die Bevölkerung. Die Militärs hatten nicht nur die Macht übernommen, sie konnten auch einer großen Massenbasis sicher sein. Dies war die beste Voraussetzung zur Durchsetzung der Forderungen des IWF und der Ziele der industriellen Elite" (Werle / Kreile 1987: 72).
Die Auflösung des türkischen Parlaments, des Verbots aller Parteien und der politischen Betätigung ihrer Führer[1], die Aufhebung der 1961er Verfassung, die landesweite Ausweitung des Kriegsrechts, die Anbindung des juristischen Staatsapparats an das Militär, die Ersetzung der Gouverneure durch Offiziere, das Demonstrationsverbot und die Zensur der Medien zählen zu den ersten Handlungen nach dem Putsch (vgl. Birand 1987; Hoffmann / Balkan 1985: 83 ff.). Es wurden 60000 Verdächtige verhaftet, darunter 54% Linke, 7 % (kurdischstämmige) Separatisten und 14 % Rechte (vgl. Pevsner 1984: 88). Darüber hinaus wurden linke Gewerkschaften und Interessenverbände der Bauern vermutlich zur Sicherung der Ressourcen der aus Großkapital und Landlords bestehenden sozialokönomischen Elite verboten und ihre Vorsitzenden angeklagt (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 90 f.). Der von General Kenan Evren geführte und die Türkei bis 1983 regierende Nationale Sicherheitsrat beschloß zur Aufrechterhaltung politischer Stabilität die explizite Neuregelung der Herrschaftsbeziehungen durch die Revision der bisherigen Verfassung. Die den Beherrschten viele Rechte einräumende Verfassung von 1961 wurde von einer anderen mit wesentlichen Einschränkungen der nun an harte Bedingungen geknüpften Grundrechte abgelöst und die Exekutive gegenüber der vom Wahlvolk gewählten Legislative (deren zweite Kammer als weitere Vetomacht abgeschafft wurde) verstärkt (vgl. Rumpf 1983).
b) Zur Einführung der "Türkisch-Islamischen Synthese" als neues halboffizielles Werte- und Normensystem und die Neubestimmung der Kerngesellschaft sowie der Randgruppe
Um die kommunistische und die erstarkte kurdisch-separatistische Bedrohung auszubalancieren, wurde die nationalreligiöse, Sunniten und Türken zur Kerngesellschaft vereinigende Türkisch-Islamische Synthese als neue semioffizielle Staatsideologie eingeführt.
Zuvor waren die letzten kemalistischen Sozialisations- und Kulturplanungsinstanzen, die Türkische Geschichts- und Sprachgesellschaften (Türk Tarih Kurumu, Türk Dil Kurumu) geschlossen worden (vgl. Mater 1989: 457). An ihre Stelle trat die nach der neuen Verfassung konstituierte Hohe Atatürk-Einrichtung für Kultur, Sprache und Geschichte (Atatürk Kültür, Dil, ve Tarih Yüksek Kurumu, AKDTYK) zur nationalen Kulturplanung bzw. Annäherung des Werte- und Normensystems an die Beherrschten (vgl. Copeaux 1998: 98). Die AKDTYK nahm die Türkisch-Islamische Synthese (Türk-Islam Sentezi) auf ihrer 10.Tagung im Juni 1986 an. Daran hatten der Präsident Evren, Ministerpräsident Turgut Özal[2], Staatsminister Mesut Yilmaz, der Erziehungs-, Kultur- und Tourismusminister sowie der Vorsitzende der AKDTYK, General a.D. Dogramaci teilgenommen (vgl. Ikibin'e / 2000'e Dogru 25.1.1987, S.8).
Die Entwicklung der Türkisch-Islamischen Synthese zur Aufrechterhaltung der Herrschaftsordnung hatte mehrere Ursachen:
· Nationalreligiöse Abwehrideologie gegen die 'rote' Gefahr und Einigung der in verschiedene Parteien und Gruppen zerfallenen Rechten im Kampf gegen den Sozialismus
Die Türkisch-Islamische Synthese wurde von der konservativen Intellektuellenvereinigung Aydinlar Ocagi ausgearbeitet (vgl. Arikan 1998: 125), um "2500 (!) Jahre Türkentum, 1000 Jahre Islam und (nur) 150 Jahre weltlichen Denkens" (Steinbach 2000: 98) miteinander zu vereinbaren, um
"Thesen zu entwickeln, die als politische Leitideen bei der Schaffung eines einheitlich starken Blocks gegen die [atheistische; BG] 'kommunistische Gefahr' dienen und die Aufsplitterung des rechtskonservativen Lagers in islamische versus nationalistische Parteien und Gruppierungen aufheben konnte." (Kehl-Bodrogi 1992: 13; vgl. Ikibin'e / 2000'e Dogru 25.01.1987, S.8-13; Bulut 1995: 73 f.; Bora 1995: 98; Bora 1998: 127; van Bruinessen o.J.: 4; Kongar 1998: 251; Seufert 1987a: 83; Arikan 1998: 125 f.)
· Demokratische Legitimation des Systems durch ideologische Anbindung an die nationalkonservative sunnitisch-türkische Bevölkerung
Das Herrschaftssystem der marktwirtschaftlichen Produktionsweise konnte mit der nationalreligiösen Türkisch-Islamischen Synthese die Identifikation der zu beherrschenden national-konservativen sunnitisch-türkischen Mehrheitsbevölkerung mit der propagierten Eigengruppe und Kerngesellschaft sichern und sich legitimieren.
· Internationale Abwehr gegen mögliche Einflußversuche der Sowjetunion
Die USA sollen zusammen mit der ökonomischen und politischen Elite des Nato-Partners Türkei die (sunnitische) Islamisierung in der türkischen Gesellschaft vorangetrieben haben, um einen ideologischen Puffer gegen die UdSSR im Nahen Osten haben zu können (vgl. Kehl-Bodrogi 1992: 12).
· Ideologische Einbindung religiöser oder potentiell separatistischer sunnitischer Kurden
Ein weiterer Grund ist die islamisch-religiöse Einbindung kemalismuskritischer sunnitischer Kurden[3] in das Herrschaftssystem und in die nun auch sunnitisch-islamisch definierte Kerngesellschaft zur Aufrechterhaltung der territorialen Integrität der Türkei (vgl. Bulut 1995: 77)[4]. Der Glaube dieser auch zu beherrschenden Personengruppe an die Legitimität der Herrschaft konnte dadurch aufrechterhalten werden. Dies geht aus dem veröffentlichten Bericht der AKDTYK hervor:
"Die vom Islam abgeleitete Idee der Bruderschaft und Einheit kann verbreitet werden. Obwohl wir einige unserer [kurdischstämmigen; BG] Staatsbürger als Türken akzeptieren, betrachteten sie sich nicht als die unsrigen. Dann können wir an die Sache von der Idee des Muslimentums herangehen." (Bericht der AKDTYK, zitiert von Ikibin'e / 2000'e Dogru 25.01.1987, S.13; vgl. Cicek 2000: 23; Perincek 1993: 135)
Dadurch wird islamisch eine transethnische Binnenintegration zwischen turkstämmigen und kurdischen Moslems begünstigt.
Aus diesen obengenannten Gründen sollte die (sunnitisch-) islamische Religion aus der türkischen Gesellschaft
"nicht zurückgedrängt werden, sondern ihre Funktion als nationale Quelle von Sitte, Moral und kulturellen Werten in der Gesellschaft behalten. Die Rolle der Religion bei der Herausbildung von Nationen kann nicht geleugnet werden. So die Grenzziehung zwischen Nation und ümmet richtig vorgenommen wird, wird deutlich, daß die Religion zur Stärkung der Nationalkultur [und der Integration; BG] beiträgt ... Es ist durchaus möglich, die Religion, insofern sie zu einer Verbreitung der Legitimationsbasis [der Herrschenden; BG] beiträgt, als kulturelles Element den geistigen Quellen des türkischen Nationalismus anzugliedern." (Bericht der AKDTYK, zitiert von Seufert 1997b: 183)
Die kemalistisch bestimmte 'Nation der westlich-modernen-säkularistischen Türken' sollte in die Kerngesellschaft der 'muslimischen Türken' bzw. 'türkischer Muslime' umdefiniert werden. Die Türkisch-Islamische Synthese kann als eine Fusion des kemalistischen Definition der türkischen Nation und Kerngesellschaft mit der ihr im antagonistischen Verhältnis stehenden sunnitisch-islamisch-osmanischen Definition zum Nachtteil für die Aleviten als Nichtsunniten betrachtet werden:
"Einerseits forderte die Organisation eines modernen nationalen Staates, dass all seine Bürger gleichbehandelt würden und die gleichen Rechte und Pflichten besässen. Andererseits gebot die islamische Grundordnung, die als integraler Bestandteil <<des Islams>> empfunden wurde, eine Stufenordnung mit den Muslimen (Sunniten in den meisten Staaten, Schiiten in Iran) als dem eigentlichen Staatsvolk" (Hottinger 1993: 92).
Dann ist der "beste Türke ... der muslimische Türke. Der beste Muslim ist der türkische Muslim." (Seufert 1997a: 66) Dadurch wurden aber Aleviten wegen der halboffiziellen Hervorhebung islamischer und damit auch sunnitischer Bezugsmerkmale in der Staats- und Herrschaftsideologie aus der Kerngesellschaft herausgelöst und zur Randgruppe degradiert, wohingegen sunnitische Kurden reintegriert wurden.
c) Trägerschichten der Türkisch-Islamischen Synthese
Die Trägerschichten der Türkisch-Islamischen Synthese waren vermutlich neben der wirtschaftlich durch den OYAK-Konzern eingebundenen militärischen Elite das städtische Großbürgertum, die Landlords und die Schicht der anatolischen Kleinunternehmer, da das nationalreligiöse und antikommunistische Werte- und Normensystem die Stabilität der Herrschaftsordnung und damit auch der bestehenden 'Ausbeutebeziehung' zum Nachteil von Arbeitern und Bauern sichern half.
d) Durchsetzung der Türkisch-Islamischen Synthese durch staatliche Instanzen
Die staatliche Einrichtung AKDTYK beschloß die Benutzung staatlicher Instanzen zur Vermittlung von nationalreligiöser türkisch-islamischer Identität durch Verbreitung nationalistischer und sunnitisch-islamischer Weltwahrnehmungsweise, Deutungs- und Verhaltensmuster mittels TRT, dem türkischen Staatsfernsehen, Nationalem Erziehungsministerium und Universitäten (vgl. Copeaux 1998: 60), Amt für Religiöse Angelegenheiten, Korankursen, Identifikationsfigur Atatürk etc.
Einige Instanzen sollen näher erläutert werden:
Erziehungsministerium
- Sunnitischer Religionsunterricht
Der Religionsunterricht zur Vermittlung sunnitischer Werte, Normen, Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmuster wurde auch an Grund- und Mittelschulen verpflichtend eingeführt. Aleviten und andere Gruppen, die sich zum Islam bekennen oder deren Standort in der Nähe des Islam ausgemacht wird, blieben und bleiben heute unberücksichtigt, "weil Hauptziel des Religionsunterrichts das Schaffen nationaler und religiöser Einheit ist." (Spuler-Stegemann 1996: 239)[5] Da dort der sunnitische Islam als einzig wahre Religion vermittelt wird, gelten Aleviten zwangsläufig als Abweichler.
- Imam-Hatip-Schulen
Der Bau weiterer sunnitisch-islamischer Prediger- und Vorbeterschulen (Imam-Hatip Okullari) als religiöse Lehranstalten (medrese) zur Vermittlung orthodox-islamischer Werte und Normen wurde vorangetrieben (vgl. Seufert 1997a: 66). Die Besucher und Absolventen dieser Schulen sind erheblich mehr, als in Theologischen Fakultäten und Religionsberufen überhaupt unterkommen können (vgl. Spuler-Stegemann 1996: 240). Bereits unter der Junta-Regierung von Evren wurde der Zugang der Absolventen dieser Schulen auch zu anderen Fakultäten neben der Theologischen ermöglicht und somit die kemalistische Politik der einheitlichen Ausbildung aller Angehörigen der türkischen Nation (Tevhid-i Tedrisat) aufgehoben (vgl. Kongar 1998: 253). Es entstand auch eine orthodox-islamisch sozialisierte Schicht von Wählern[6] und der späteren politisch-administrativen Elite[7]. Wenn man davon ausgeht, daß jahrzehntelang auch Mädchen diese Prediger- und Vorbeterschulen besuchen, obwohl im Islam diese Berufe für Frauen nicht vorgesehen sind, so kann angenommen werden, daß sie später als Mütter und primäre Sozialisationsinstanzen die Erziehung ihrer künftigen Kinder durchführen und
"ihre Kinder auch entsprechend nach der islamischen Religionslehre erziehen werden ... [Mit diesen Schulen; BG] steigt auch die Zahl derer, die von der sunnitisch-islamischen Lehre geprägt werden, was wiederum eine wichtige Entwicklung für die islamische Bewegung in der Türkei zählt." (Engin 1998a: 89)
- Gründungsmythos 'Sieg von Malazgirt', Schulbücher und Atatürk-Bild
Die Schulbücher in allen türkischen Schulen für Geschichte, Erdkunde und Literatur wurden zur Prägung des kollektiven Gedächtnisses und zur Vermittlung nationalreligiöser Werte und Normen umgeschrieben (vgl. Seufert 1997a: 66).
Das Gründungsmythos der Türkischen Nation wurde vom Unabhängigkeitskrieg (1919-1922) auf die Schlacht von Malazgirt (26.8.1071) vorverlegt (vgl. Ikibin'e / 2000'e Dogru 25.01.1987, S.13). Dadurch wurde m.E. eine historische Kontinuität der Moslem-Türken zwischen den Seldschuken über das Osmanische Reich bis zur heutigen Türkei hergestellt. Bei dieser Entscheidungsschlacht konnten sich die vom (quasi-)islamischen Seldschukensultan Alparslan angeführten und im Gegensatz zu ihren Gegnern besser organisierten Turkmenen zusammen mit den von christlichen Truppen während des Kampfes zu den Turkmenen übergelaufen turkstämmigen christlichen Petscheneken gegen die Byzantiner durchsetzen. Dadurch wurde das 'Tor Anatoliens' für die turkmenische Einwanderung und Besiedlung eröffnet. Die schulische Darstellung der nun als Gründungsmythos benutzten Entscheidungsschlacht beinhaltet auch religiöse Motive. Demnach haben die Seldschuken vor dem Kampf am von Sultan Alparslan angeführten sunnitisch-islamischen rituellen Pflichtgebet teilgenommen und die dadurch den Glaubenszusammenhalt bekräftigende sowie zum Sieg führende und diesen auch moralisch legitimierende religiöse Überlegenheit gegen die aus untereinander zerstrittenen und auch aus materialistischen geldorientierten Söldnern bestehenden Byzantinern erhalten (vgl. Copeaux 1998: 163 f.): "Wir haben das tausendjährige christliche Anatolien genommen und in die türkische Heimat und in muslimischen Boden verwandelt." (Schulbuch, zitiert von Copeaux 1998: 167)[8]
Im Gegensatz zum Geschichtsunterricht zur Einparteienzeit wurde auch die Biographie des Propheten Mohammed nicht aus historischer, sondern aus islamischer Sicht beschrieben, die Rolle der muslimischer Türken als Gotteskrieger, als legitime Eroberer und Beschützer des Islam im nun positiv umgewerteten Osmanischen Reich hervorgehoben. Dies kommt bei der Darstellung der Eroberung Istanbuls zum Ausdruck (vgl. Copeaux 1998: 180 f.). Diese Darstellung muß den kollektiven Erinnerungsbestand und Geschichtsauffassung sunnitischer Türken als legitime Beschützer des Islam und Eigentümer des Seldschuken- und Osmanenreiches sowie der Türkei im Gegensatz zu dem kollektiven Gedächtnis der Aleviten geprägt haben, die von ihren Familien und Medien als alternative Instanzen eher die Geschichte von jahrhundertelanger Verfolgung vermittelt bekommen.
Das offizielle Atatürk-Bild als Integrationsfigur wurde auch islamisch korrigiert, und "der gnadenlose Kritiker der Religion als frommer Muslim gekennzeichnet." (Seufert 1997a: 66). Die AKDTYK hielt deswegen jahrelang auch Atatürks kritischen Ausführungen über den Islam, über die Prophetenschaft Mohammeds und über Allah vor der Öffentlichkeit zurück (vgl. Ikibin'e / 2000'e Dogru 25.01.1987, S. 13).
Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi)
Das Amt für Religionsangelegenheiten wurde von einer Einrichtung zur staatlichen Kontrolle und Handhabe des Islam zur einer "mächtigen Institution in der Förderung des Islams in der Türkei." (Spuler-Stegemann 1996: 241) Ihre Aufgabenbereiche sind u.a. die Erstellung religiöser Rechtsgutachten (Fatwa), Abfassung, Übersetzung und Verbot religiöser Werke, Herausgeber von Musterpredigten für Imame während des Freitagsgebets (zur systemkonformen Beeinflussung des Verhaltens der muslimischen Beherrschten), Besoldung des Moscheepersonals, Betreuung von Korankursen, Organisation des rituellen sunnitischen Wallfahrts nach Mekka, Einrichtung und Verwaltung von Moscheen (vgl. Spuler-Stegemann 1996: 241). Der Bau der Moscheen (als Medieninstanzen und Orte des sunnitischen Gebetsrituals) und der Aufbau von Korankursen zur religiösen Sozialisation der Beherrschten wurden weiter vorangetrieben. Es werden jährlich 1.500-2.000 Moscheen gebaut (vgl. Spuler-Stegemann 1996: 241). 1994 gab es schon 75.000 Moscheen (vgl. Seufert 1997a: 70). Es wurden Moscheen und Gebetsräume nun auch in bisher 'nichtislamischen' Lebensbereichen wie im türkischen Parlament, Ministerien, Schulen und Unis fortgeführt (vgl. Kehl-Bodrogi 1992: 14). Zwischen 1980-1990 stieg die Zahl der Korankurse um 52 % an (vgl. Seufert 1997a: 69). Dadurch drang das Sunnitentum und damit auch entsprechende Werte und Normen in weite Teile der Gesellschaft vor.
Seit 1992 wurde das Leitgremium für Religionsangelegenheiten neu konstituiert, deren Mitglieder von Imamen und Theologen gewählt werden und vom Staat weder berufen noch abgesetzt werden können. Sie als ülema leiten somit die Religionsbehörde und erstellen im Konsens religiöse Rechtsgutachten (fetva) (vgl. Spuler-Stegemann 1996: 243). Die Erstellung der Fatwa und der legitimatorische Bezug staatlicher politischer Ziele (vgl. Seufert 1997a: 70) läßt den Präsidenten des Amts immer mehr dem sunnitischen Scheichülislam des Osmanischen Reiches gleichen. Die Religionsbehörde
"rechtfertigte die [gegen die PKK gerichteten; BG] Antiterrorgesetze von 1991 und findet die Quelle des Terrorismus im Atheismus ... Die Behörde ... verwendet sich für die Beschränkung auf religiös legitime Sexualkontakte, um der 'göttlichen Strafe' AIDS zu entgehen." (Seufert 1997a: 70-71)
Das definitionsmächtige Amt gleicht auch durch die religiöse Handhabe islamischer Deutungsmuster zur Aufrechterhaltung der Sicherheit der herrschenden Ordnung immer mehr dem Amt des osmanischen Scheichülislams.
Zur Finanzierung des Amtes wurde 1986 die Religionsstiftung der Türkei (Türkiye Diyanet Vakfi) eingerichtet, die auch eine Kette religiöser Buchhandlungen zur Verbreitung von religiösen Printmedien (Bücher) unterhält. In den Regalen stehen auch Werke der während der Einparteienzeit offiziell verbotenen Brüderschaften und internationale Führer des Islamismus, "daneben Pamphlete gegen ... Zeugen Jehovas, Juden, Baha'i und Alevi." (Spuler-Stegemann 1996: 242) Aus einem Buch des Präsidiums: "Schließt mit eurem Väter und Brüdern (die einer anderen Religion oder einem anderen Glauben angehören) keine Freundschaften." (Gündüz 2001: 11) Die definitionsmächtige Einrichtung beeinflußt somit auch interreligiöse Beziehungen dahingehend, daß Andersgläubige von der Teilhabe an der sozialen Interaktion ausgeschlossen werden sollen. Die Aleviten werden vom staatlichen Amt für Religionsangelegenheiten nicht als Konfession anerkannt, so daß Steuergelder von Türken alevitischer Konfessionszugehörigkeit für sunnitisch-islamische Projekte benutzt werden (vgl. Die Zeit 13 / 24.03.95, S. 3). Der gegenwärtige Präsident dieses Amtes, Mehmet Nuri Yilmaz, deutete die konfessionelle Assimilation der Aleviten als Bedingung für deren Beschäftigung in diesem Amt an:
"Das Alevitentum ist keine Konfession, sondern mit seiner ... Literatur eine Kultur. Wenn ein unser alevitischer Bürger [sunnitische, BG] Theologie studiert und dadurch sich weiterentwickelt hat, sind unsere Tore für ihn offen." (Güvenc 1995: 244).
Der staatliche Moscheebau wird im Gegensatz zum Bau von Cem-Häusern auch in alevitischen Dörfern zwecks konfessioneller Assimilation vorangetrieben (vgl. Camuroglu 1994: 13-24). Die an die lokalen Führer gerichteten Worte und Taten des Gouverneurs der mehrheitlich von kurdischen und Zaza-Aleviten bewohnten Provinz Tunceli waren 1982 richtungsweisend: "Meine Aufgabe ist es ... den Islam zu verbreiten und euch zu islamisieren" (Cicek 2000: 27), bevor weitere Moscheen im Zentrum der Stadt errichtet worden.[9] Diese Assimilationspolitik wird vermutlich von sunnitischen Türken nicht immer verurteilt. Denn ihre kollektive Erinnerung an die im Namen religiöser, konfessioneller und ethnischer Unterschiede und vom westlichen sowie russischem Ausland unterstützte Spaltung des Osmanischen Reiches, die mit traumatisierenden Territorialverlust, Verfolgung und Vertreibung der vom eigentlichen Staatsvolk zur Minderheit degradierten osmanischen Sunniten gleichgesetzt wird, speist die nationalistische und religiöse Furcht vor ethnischen und konfessionellen Separatismus (Sevrès-Syndrom). Das zeigt sich m.E. "im Herunterspielen des Unterschiedes zwischen sunnitischem Islam und dem Alevitentum." (Kehl-Bodrogi 1992: 15). Publikationen des Präsidiums für Religionsangelegenheiten versuchen zu beweisen, daß Aleviten im Grunde doch Sunniten seien (vgl. Kehl-Bodrogi 1992: 15)[10]. Aleviten beklagen sich in Dörfern über den Druck von sunnitischen Hodschas und führen ihre Cem-Rituale bei deren Abwesenheit im Dorf durch (vgl. Kaplan 2001: 6). Infrastrukturelle Verbesserungen werden von der Teilnahme am sunnitischen Reihengebet, was zu den Fünf Säulen zählt, abhängig gemacht (vgl. Kehl-Bodrogi 1992: 14). Dies stellt wohl eine Beeinträchtigung der Glaubensfreiheit dar.
· Weitere Beispiele für die staatliche Islamisierungspolitik
In dem Gefängnis von Diyarbekir wurde nach dem Putsch der Unterricht "Die Wunder des Propheten" gelehrt und inhaftierte Minderjährige zur Teilnahme am sunnitischen Reihengebetsritual zwangsverpflichtet (vgl. Cicek 2000: 29).
Der 'säkularistische' Staat rief muslimische (bzw. sunnitische) Kurden zum Heiligen Krieg gegen die als atheistisch verketzerte separatistische, als terroristisch eingestufte Organisation PKK[11] auf. Im Südosten der Türkei wurden durch die Armee Plakate mit Moscheen und türkischer Fahne sowie Auszügen aus dem Koran und dem Hadith verteilt (vgl. Perincek 1993: 132-147):
"Bürger! Schaut, was die erhabene Religion Islam euch befiehlt: 'Und bekämpft in Allahs Pfad, wer euch bekämpft' ... Bürger, die Mitglieder der Separatistenbande wollen dich von deiner Religion, Kindern, Weib, von deinen hohen Werten wie Heimat, Flagge und Sitte losreißen. Es ist deine Pflicht wie die eines jeden Muslim, gegen sie zu kämpfen." (Plakat, zitiert von Perincek 1993: 147)
Das ist ein Beleg für die Benutzung der Religion für politischen Zwecke[12].
Die Zulassung eines Mitglieds des von Atatürk verbotenen Nakschibendi-Ordens und Ex-MSP-Mitglieds, Turgut Özal, als ersten zivilen Ministerpräsidenten nach dem Staatsstreich (vgl. Seufert 1997a: 66) war ein weiteres Signal für die staatliche Abkehr vom Kemalismus. Um die kurdisch-mikronationalistische PKK-Bewegung zu schwächen und ihr die demographische Grundlage entziehen zu können, wurde auch von staatlichen Sicherheitskräften die sich mehrheitlich aus radikalislamischen kurdischen Sunniten bestehende militante Organisation 'Hizbullah' (Weg bzw. Partei Gottes) gegen die 'atheistische' PKK unterstützt (vgl. Bulut 1995: 77; Cicek 1999; Steinbach 2000: 100)[13].
· Weitere Reislamisierungspolitik durch Özal mittels Legalisierung islamistischer Betätigung
Unter Özals Präsidentschaft wurde neben dem Bau von Prediger- und Vorbeterschulen, Moscheen und Korankursen auch der Antiislamismusparagraph §163, der sunnitisch-islamistische politische Betätigung rechtlich als abweichendes Verhalten unter Strafe stellte, abgeschafft. Islamisten wurden durch Herabsetzung der Sanktionshärte begünstigt. Die Abschaffung von §163 hatte eine Signalwirkung für Islamisten (vgl. Kongar 1998: 225; Steinbach 2000: 60)[14].
e) Kurzer Abriß der Regierungsgeschichte der Türkei bis 1995
Turgut Özals ANAP konnte 1987 noch vor der CHP-Nachfolgerin Sozialdemokratische Volkspartei (Sosyal Demokrat Halkci Parti, SHP) und der AP-Nachfolgerin Partei des Rechten Weges (Dogru Yol Partisi, DYP) von Demirel die Wahlen gewinnen. Mit den Wirtschaftskrisen und Özals Austritt wegen seiner Präsidentschaft wurde ANAP 1991 von der konservativ-sozialdemokratischen Koalition zwischen Demirels DYP und der SHP abgelöst. Nach Özals Tod 1993 wurde Demirel Staatspräsident, und die Koalition wurde von seiner Nachfolgerin Tansu Ciller bis 1995 fortgesetzt (vgl. Steinbach 2000: 60).
f) Sunnitische Reislamisierung der Gesellschaft und Verrandung von weltlichen Sunniten und Aleviten
Seit Mitte der Achtziger Jahre hat sich das politische Gewicht zugunsten der sunnitisch-islamistischen Kräfte auf Kosten der Linken verschoben, die sich von der ANAP, DYP, Erbakans Wohlfahrtspartei (Refah Partisi; RP) und der MHP von Türkes repräsentiert fühlten. Seit Anfang der Neunziger Jahre gewann die sunnitisch-islamistische Refah-Partei Kommunal- und auch nationale Wahlen. Der durch u.a. staatliche Instanzen geförderte und auch aus wirtschaftlichen Problemen[15], Arbeitslosigkeit und sozialer Unsicherheit[16] erstarkte sunnitische Islam war in weiten Teilen der Gesellschaft zu spüren (vgl. Kaynak Yayinevi 1999: 54-71).
Die Zahl der besuchten Moscheen und Koranschulen hat zugenommen. Dies läßt auf eine erhöhte Vermittlung sunnitisch-islamischer Werte und Normen sowie eine öfter verstärkt stattfindende gebetsrituelle Bekräftigung der religiösen Identität. Die Zahl der jährlichen Teilnehmer an der rituellen sunnitischen Pilgerfahrt nach Mekka hat sich allein zwischen 1979 und 1989 verneunfacht (vgl. Frankfurter Rundschau 9.5.1989, S.4). Das zeigt, daß zumindest zwei der Fünf Säulen im Islam (Gebet, Pilgerfahrt) als die von den islamischen Werten und Normen abgeleitete Bezugs- und Diskriminierungsmerkmale in großen Teilen der Gesellschaft Anerkennung finden. Die zunehmende Auflagenhöhe und Zahl sunnitisch-islamistischer Zeitschriften und Zeitungen als Medieninstanzen kann als weiterer Indikator dafür betrachtet werden (vgl. Saribay 1989: 92). Viele sunnitisch-islamistische Bruderschaften, politische Parteien und Bewegungen unterhalten inzwischen eigene Ladenketten, Konzerne, TV- und Radiosender, Zeitschriften, Tages- und Wochenzeitungen als Medieninstanzen (vgl. Seufert 1997a: 49; Kuloglu 1998), vom Internet ganz zu schweigen. Dadurch werden entsprechende Werte und Normen medial verbreitet.
Angehörige des anatolischen religiösen aufsteigenden Mittelstands haben auch den eigenen "Unabhängigen Industriellen- und Unternehmerverband" (Müstakil Sanayiciler ve Isadamlari Dernegi, MÜSIAD) als Gegenmacht zum städtisch-großbürgerlichen "Türkischen Industriellen- und Unternehmensverband" (Türkiye Sanayiciler ve Isadamlari Dernegi, TÜSIAD) gegründet (vgl. Seufert 1997a: 118). Die Stimmengewinne der Refah-Partei zeigen auch den starken Einfluß des politischen Islams, der die bestehenden politischen Zustände ablehnt, indem er sie verketzert. Die Inszenierung der eigenen Kollektividentität erfolgt durch den Einsatz "emblematischer Ausdrucksmittel"[17] zahlenmäßig auch in türkischen Großstädten zu sehenden rundbärtigen Männern mit Käppchen und verschleierten Frauen und Mädchen im Straßenbild, die durch Barttracht und Kopfbedeckung demonstrativ Zugehörigkeit zum orthodoxen Islam und Abgrenzung von weltlichen Sunniten oder Aleviten exemplarisch an sich selbst darstellen. Dadurch können ihre 'inneren' Überzeugungen mühelos an ihren 'äußeren' Symbolen abgelesen werden. Diese Symbole sind auch Indizien für die "Wiederkehr der Religion in die öffentliche Sphäre." (Kehl-Bodrogi 1992: 12) "Andere Nichtdazugehörige" fallen zunehmend durch ihre Inkonformität gegenüber diesen gesellschaftlich immer mehr sanktionierten Kleidungsnormen als Außenseiter auf. Die zunehmende Anzahl der Befolger religiöser Kleidungsnormen läßt sie für andere ab einem kritischen Schwellenwert als die normative bzw. moralische Mehrheit erscheinen und erhöht auf diese den Außendruck, sich den "Göttlichen Befehlen" unterzuordnen. Die Wiederkehr des sunnitischen Islam in der Öffentlichkeit mit der Hervorhebung der Fünf Säulen und weiterer Riten der Enthaltsamkeit (Alkohol, Geschlechtertrennung) läßt die Definitionsmacht über gebotenes und abweichendes Verhalten nun in religiös sunnitisch-islamischer Hand erscheinen.
Die negative Sanktionierung bestimmten Verhaltens zeigt auch die zumindest partielle Geltung religiöser Werte und Normen an: Weltliche Sunniten oder Aleviten, die beispielsweise am sunnitischen Ritual der Enthaltsamkeit (Fasten, Alkoholverbot, Eßtabu) nicht teilnehmen und die Kleiderordnung nicht beachten, widersetzen sich damit der sozialen Kontrolle und werden wegen der Geltung der Türkisch-Islamischen Synthese als Negativ- und Abschreckungsbeispiele zur Zielscheibe von religiös legitimierter verbaler und non-verbaler Gewalt selbsternannter Sittenwächter:
"Brutale Übergriffe gegen Menschen, die die islamischen Gebote nicht befolgen, haben in den letzten Jahren derart zugenommen, daß in der liberalen Presse schon vom 'Religionsterror' gesprochen wird ... Besonders im Fastenmonat werden in allen Landesteilen Nichtfastende beschimpft und geschlagen; auch sonst hört man immer wieder von tätlichen Übergriffen gegen jene, die die religiösen Vorschriften nicht einhalten ... Die Angriffe richten sich besonders gegen Alkoholgenuß, die 'offene' Kleidung von Frauen und gegen die im öffentlichen Bereich fehlende Geschlechtertrennung." (Kehl-Bodrogi 1992: 15-16)
Das Trinken von Alkohol oder das Unterlassen des Tragens eines Schleiers werden gerade durch das Vorherrschen religiöser sunnitischer Werte und Normen zum abweichenden Verhalten. In einigen (Prediger-) Schulen kommt es zur gesetzlich unzulässigen Geschlechtertrennung, die Unterhaltung zwischen Mädchen und Jungs ist verboten, es wird Druck zur Einhaltung der Fastenvorschriften ausgeübt, Mensen im Ramadan geschlossen (vgl. Seufert 1997a: 68), bekennende kemalistische oder antiosmanische Lehrer wurden als Abschreckungsbeispiele strafversetzt (vgl. Cetinkaya 1995: 65).
Neben weltlichen Sunniten werden vor allem auch Aleviten, die die religiösen Werte und Normen nicht einhalten sowie an den Riten nicht teilnehmen (Fasten, Beten, Alkoholverbot, Verschleierung, Geschlechtertrennung)
"in einer Zeit, wo immer mehr [sunnitische; BG] Menschen ihr Verhalten nach islamischen Vorschriften richten, als Aleviten leichter unterscheidbar und damit Angriffen leichter ausgeliefert." (Kehl-Bodrogi 1992: 16)
Dies zwingt nicht wenige Aleviten als reaktive Verhaltensweise zum Goffmanschen Täuschen in der sunnitischen Außenwelt:
"Gegen drei Uhr morgens z.B., wenn Trommler durch die Straßen ziehen, um die Gläubigen zu einer letzten Mahlzeit vor Sonnenaufgang zu wecken, machen viele alevitische Familien, um nicht den Verdacht der Nachbarn zu erwecken, Licht in ihren Wohnungen, wodurch sie den Eindruck vermitteln, die Fastengebote ebenfalls zu befolgen." (Kehl-Bodrogi 1992: 17)
Viele Aleviten haben im sunnitisch dominierten Divrigi im Ramadan in der Öffentlichkeit weder essen noch trinken können, "in der Absicht, die Sunniten nicht unnötig zu provozieren." (Kehl-Bodrogi 1992: 17) Die erlittene oder antizipierte Diskriminierung führt einige Aleviten dazu, gegenüber die als Bedrohung empfundene orthodoxe Sunniten einen Sicherheitsabstand zu wahren. Dazu meint eine aus Sivas vor sunnitischen Islamisten nach Antalya geflüchtete Familie:
"In Antalya glaubten wir uns vor den Islamisten ... sicher. Aber schau, sie sind mittlerweile auch hier. Von überall her sind sie gekommen. Hast Du hier früher so viele verschleierte Frauen gesehen? Langsam können sich unsere Töchter auch hier nicht in offener Kleidung auf die Straßen trauen!" (Kehl-Bodrogi 1992: 17)
Aleviten unterlagen weiterhin einer Vielzahl von Vorurteilen und Diskriminierungen, die vom Staate nicht verfolgt wurden.
· Vorurteile den Aleviten gegenüber:
Tradierte nicht bekämpfte sunnitische Vorurteile sind unter anderem:
- Aleviten gehen bei den rituellen Cem-Zusammenkünften, bei denen auch Frauen und Kinder teilnehmen, inzestiöse und Promiskuitätsbeziehungen ein (vgl. Kehl-Bodrogi 1996: 52, Fußnote 6). Dies wurde auch in einer TV-Spielshow eines Privatfernsehsenders, wie schon in der Einleitung erwähnt, unterstellt (vgl. Die Zeit 13 / 24.03.95, S. 3).
- Aleviten reinigen sich nicht nach dem Geschlechtsakt, da sie die Scharia ablehnen, so daß Sunniten kein von Aleviten zubereitetes Fleisch essen sollten (vgl. Kehl-Bodrogi 1996: 52, Fußnote 3)[18].
- "Benutzt niemals die gleichen Badehäuser wie die Kizilbas; ihr werdet in vierzig Jahren den Dreck nicht wegwaschen können." (Engin 1999a: 559)
- "Wer mit dem Wasser, was durch ein Kizilbas-Dorf fließt, sein Land bewässert, dessen Ernte ist unrein." (Engin 1999a: 559)
- Aleviten sind als Linke keine 'wahren Moslems' (vgl. Güvenc 1995: 243).
- Aleviten spucken in von ihnen zubereitete Kaffees (vgl. Türkdogan 1995: 34).
Diese Vorurteile werden m.E. staatlich nicht nur nicht bekämpft, sondern es gibt zumindest Einzelfälle von diskriminierenden Lehrern und staatlichen antialevitischen Schulbüchern:
- Die vom Erziehungsministerium herausgegeben Bücher "würden zum Beispiel glauben machen, Aleviten begingen Inzest" (Tagesanzeiger 13.03.96, S. 2)
- Ein Lehrer im Unterricht über die Aleviten: "...es ist unzüchtig, wenn Frauen und Männer sich die Hand reichen. Im Westen schlafen die Mädchen zuerst, wie es bei den Rotschöpfen der Fall ist, mit ihren Vätern. Bei den Aleviten schlafen die Mädchen mit ihren Vätern und die Jungs mit ihren Müttern." (Yörükoglu 1995: 427)
- Ein anderer Lehrer: "Die Hälfte der in Istanbul lebenden Frauen sind Huren. 70 Prozent der alevitischen Mädchen besitzen keine Jungfernhäutchen mehr. Sie haben auch kein [intaktes; BG] Familienleben." (Yörükoglu 1995: 427) Damit dienen die Aleviten als Negativbeispiel für die Gesellschaft der "Moslem-Türken".
Antialevitische Diskriminierung
Da diese Vorurteile Wahrnehmungs-, Deutungs- und somit Handlungsmuster prägen, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß Aleviten gesellschaftlich diskriminiert werden:
- Busunternehmer in Corum werden mehrheitlich jeweils von 'ihren' Konfessionsangehörigen bevorzugt, so daß die Angehörigkeit über Kunden- und Ressourcenzugang entscheidet (vgl. Türkdogan 1995: 341).
- Es wird Aleviten verweigert, sie nach islamischen Traditionen zu bestatten. Somit werden sie aus dem orthodox-islamischen Passageritual ausgeschlossen.
- Es wird von Aleviten zubereitetes Fleisch wegen ihrer Nichtteilnahme am islamisch-orthodoxen Reinigungsritual nicht nachgefragt, da es religiös als "unrein" gilt. Aleviten, die als Gastronom, Schlächter oder Metzger arbeiten möchten, müssen ihre Identität verheimlichen, wenn sie in dieser Branche erfolgreich sein möchten.
- Sunniten möchten mit Aleviten keine ehelichen Beziehungen eingehen (vgl. Güvenc 1995: 243). Auf dem sunnitischen Heiratsmarkt werden damit Angehörige der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung aus Gründen konfessioneller Diskriminierung bevorzugt.
- Aleviten werden auch bei der Arbeitsplatzvergabe diskriminiert: "Als in den Bergwerken von Divrigi, das zu 95% alevitisch ist, letztes Jahr 200 Leute eingestellt werden sollten, kamen nicht die vielen Arbeitslosen aus der Stadt zum Zuge, sondern Fremde aus fundamentalistischen [im Sinne von radikal sunnitischen; BG] Gegenden erhielten den Vorzug." (Tagesanzeiger 13.03.96, S.1-2) Sie erfüllen dann eine Ressourcenliefererfunktion.
- Es wird von Aleviten zubereitetes Kaffee nicht getrunken (vgl. Türkdogan 1995: 34).
- Aleviten werden von der Teilhabe an der sozialen Interaktion ausgeschlossen. Ein Alevite in Deutschland berichtet von den Erlebnissen seiner Gattin mit einer sunnitischen Nachbarin, "mit der seine Frau sich auf der Bank im Park zunächst gut verstanden hatte und die auf den Absatz kehrtmachte, als sie bei der Einladung zum Tee Indizien für die alawitische Herkunft fand." (Die Zeit 14 / 31.03.95, S. 18)
- Die Diskriminierung auf dem Heiratsmarkt gilt auch für Freundschafts-beziehungsmärkten: Die sunnitische Freundin eines Aleviten brach ihre Beziehung zu ihm nach seinem Outing mit der Begründung ab, er ginge inzestiöse Beziehungen mit seiner Mutter ein (vgl. Die Zeit 14 / 31.03.95, S. 18).
Einige Vorfälle wurden vordringlich durch die sozialdemokratischen Parteien SHP bzw. CHP und der DSP thematisiert. In der südöstlichen Provinz Bingöl war es zwischen Auseinandersetzungen zwischen Aleviten und Sunniten um Bodenbesitzverhältnisse gekommen. Dabei hatte das Oberhaupt einer sunnitischen Familie und gleichzeitiger Dorfimam sowie (kurdischer) Clanchef aus Rache für den alevitischen Verrat am sunnitisch-kurdischen Scheich-Sait-Aufstand zum Heiligen Krieg gegen die Aleviten aufgerufen und den Bau einer 1.5 m hohen Mauer befohlen (vgl. Engin 1999b: 239 f.).
Ein später suspendierter Hodscha in Eskisehir sagte während seiner über Lautsprecher an andere Moscheen übertragenen Predigt, daß das von Aleviten Geschlachtete unrein sei und nicht gegessen werden dürfe, ebenso für sie kein Totengebet gesprochen werden sollte, es auch nicht richtig sei, an ihren Häusern vorbeizugehen (vgl. Engin 1999b: 246).
Ein alevitisches Cem-Haus in Istanbul wurde auf Befehl des Istanbuler Bürgermeisters von der Refah-Partei abgerissen (vgl. Engin 1999b: 246 f.; Korkmaz 1997: 65 f.).
Ein Lehrer im Unterricht, der nach dem Vorfall befördert wurde, sagte:
"Der Alewismus ist keine Gottesreligion, sondern eine, die auf Aberglauben basiert. Alewiten glauben nicht an Gott und an die Verkündigungen des Propheten. Wenn ihr Alewiten seid, verschwindet; ich habe mit sunnitischen Schülern besondere Dinge zu besprechen." (Engin 1999b: 243)
Damit werden Aleviten von der gleichberechtigten Teilnahme am Unterricht ausgeschlossen.
Nach dem noch zu erläuternden Massaker von Sivas (1993) kam es zu Überfällen der PKK auf dortige sunnitische Dörfer, während gerade alevitische verschont blieben. Staatliche Sicherheitskräfte führten dann Razzien, Festnahmen oder Evakuierungen in alevitischen Dörfern durch, deren Bewohner als potentielle PKK-Helfer behandelt wurden (vgl. Engin 1999b: 242)[19].
Aber das sunnitisch-konservativ dominierte Parlament konnte alevitischen Opfererfahrungen kaum Abhilfe leisten. Die Sprecher der die Anfragen der Sozialdemokraten beantwortenden regierenden Parteien
"legten einhellig die Auffassung zutage, daß in der Darstellung bzw. Wiedergabe der Ereignisse und Vorfälle im Zusammenhang mit der Alewitenproblematik übertrieben werde. Die Regierungssprecher bzw. Minister verwiesen immer wieder auf die Einheit von Glaube, Prophet und der Heiligen Schrift (Koran). Ihrer Ansicht nach hat eine Diskriminierung der Alewiten von staatlicher Seite niemals stattgefunden ... Die Trennung des Volkes in ein sunnitisches und in ein alewitisches Lager sei künstlich und von der Türkei feindlich gesinnten, fremden Kräften lanciert. Differenzen und Konflikte innerhalb beider religiöser Richtungen existierten nicht." (Engin 1999b: 249)[20]
Daß die Aussagen der Mitglieder der politischen Regierungselite über das Ausbleiben staatlicher Diskriminierung nicht ganz der Wahrheit entsprechen, können die Verhaltensweisen Angehöriger staatlicher Instanzen zur Durchsetzung von Recht und Ordnung (Polizei) und der politisch-administrativen Elite während des Massakers an alevitischen Künstlern und Intellektuellen in Sivas am 2.7.1993 und bei den tödlichen Übergriffen von Teilen der Polizei im vordringlich von Aleviten bewohnten Istanbuler Stadtteil Gazi am 12.3.1995 belegen. Denn ihnen kann zumindest passive Mittäterschaft vorgehalten werden. Auch diese Ereignisse sind Beispiele für das Vorherrschen sunnitisch-islamischer Werte, Normen, Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmustern und damit der Bestrafung des davon abweichenden Verhaltens.
Massaker von Sivas (2.7.1993)
Auf einem alevitischen Kulturfestival in der zentralanatolischen Stadt Sivas sind 37 Personen, vornehmlich alevitischstämmige Intellektuelle und Künstler, nach stundenlanger Belagerung durch Tausende aus dem Freitagsgebet aus den Moscheen kommenden, aufgebrachten religiösen Sunniten vor den Augen polizeilicher Sicherheitskräfte, live vor laufenden Kameras umgebracht worden. Sie wurden von Angehörigen der örtlichen Zentrale der islamistischen Refah-Partei angeführt (vgl. Coskun 1995: 354; Gölbasi 1997; Eral 1995: 219 ff.; Kongar 1998: 254-263). Vor dem Festival wurden in der Stadt Flugblätter von "Muslimen" an die "Muslimische Öffentlichkeit" verteilt. Die Teilnahme des bekennenden atheistischen Romanciers sunnitischer Herkunft, Aziz Nesin, der kurz zuvor Teile des von Salman Rushdie verfaßten, weltweit durch Islamisten verketzerten "Satanischen Verse" übersetzt hatte, wurde in dem Schreiben mit anderen alevitischen Künstlern verketzert und dämonisiert:
"Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen,
'Der Prophet steht den Gläubigen näher als sie sich selber, und seine Gattinnen sind ihre Mütter.' ...
Der den Gläubigen näher als diese zu sich selber stehende Botschafter Gottes (Friede sei mit ihm) und seine reinen Gattinnen, das Haus (Kaaba) und Buch Gottes, der Koran, werden auf niedrigste Art beleidigt und die Ehre der Gläubigen angegriffen ... AZIZ NESIN hat auf die gleiche Art [wie Salman Rushdie; BG] die Bewahrung des Koran beschimpft, das Familienleben des Propheten (Friede sei mit ihm) mit dem eines Bordells verglichen und den Mut aufgebracht die Mütter der Umma, seine Gattinnen ... als Prostituierte zu bezeichnen. Während dieses Ereignis sogar in den gottlosen Staaten der Welt nicht akzeptiert wird, hat es leider der zweigesichtige laizistische Staat TR [[21]; BG] die Veröffentlichung erlaubt, und darüber hinaus wurden ehrbare Muslime, die dagegen protestiert haben, von der Polizei und Gendarmerie des Staates geschlagen, erschossen und ein Teil ins Gefängnis gesteckt. Während sich der Hund Salman Rushdie in den Ländern mit wenigen Moslems aus Furcht kaum auf die Straße wagen kann, kann sein ... Diener mit seiner Begleitung ... so spazierengehen, als würde er Moslems spotten ...
Die Ungläubigen müssen eines begreifen:
Wir geben unser Leben für den Schutz des Propheten und Buches des Islam. Der Tag ist gekommen, um unser Muslimentum zu beweisen.
'Wer da glaubt, kämpft in Allahs Weg ... So bekämpfet des Satans Freunde, Siehe, des Satans List ist schwach.' ... Die Sieger werden zweifellos die Anhänger Gottes sein.
MUSLIME." (Eral 1995: 228-229; Coskun 1995: 364; Gölbasi 1997: 15-16)
Sunnitische Muslime wurden durch Verketzerung und Dämonisierung ('Freunde Satans') Aziz Nesins und anderer Teilnehmer des Kulturfestivals sowie Koranzitaten zum angeblich islamisch-gebotener Gewalt aufgefordert. Das Vorherrschen sunnitischer Werte, Normen, Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmuster bei der Bevölkerung von Sivas machte diese durch entsprechende Verzerrung ihres Bezugsrahmens empfänglich für religiös legitimierte Gewalt gegen die als Feinde des Islams definierten Personengruppen. Diese dienten somit als Negativbeispiel für "Muslime" und erfüllten durch ihre "Bestrafung" eine Abschreckungsfunktion. Es kam nach den Freitagsgebeten zu den stundenlangen dauernden Demonstrationszügen mit 10.000 bis 15.000 Teilnehmern, auf denen "Muslimische Türkei!", "Wir wollen die Scharia!" (Gülcicek 1994: 115), "Die Republik wurde hier [auf dem Kongreß von Sivas; BG] errichtet, hier wird sie zerschlagen!", "Es gibt keinen Gott außer Allah!", "Die Hände, die den Islam angreifen, werden gebrochen!" (Coskun 1995: 369) gerufen wurden. Neben der Zerstörung einer Atatürkbüste und dem Denkmal des im Osmanenreich gehängten alevitischen oppositionellen Dichters Pir Sultan Abdal, zu dessen Ehren das Festival organisiert worden war, wurde das die Teilnehmer beherbergende Hotel nach stundenlanger Belagerung vor den Augen der zum Teil Beifall klatschenden Polizisten angezündet (vgl. Gölbasi 1997: 35). Der vom Gouverneur zur Beruhigung der Demonstranten beauftragte Bürgermeister der Refah-Partei wiegelte die Menge mit "Euer Glaubensfeldzug sei gesegnet!" (Gülcicek 1994: 117; Gölbasi 1997: 35) auf[22]. Die Feuerwehr wurde auf dem Weg zum brennenden Hotel blockiert (vgl. Coskun 1995: 371), ankommende Fahrzeuge haben es unterlassen, Löschwasser einzusetzen (vgl. Eral 1995: 236, 240). Die Feuerwehrleiter, die einige Personen am Anfang gerettet hatte, wurde wieder eingefahren (vgl. Eral 1995: 240). Der vom Gouverneur zuvor beorderte Einsatz der Türkischen Streitkräfte zur Wiederherstellung der Ordnung und auch der Sicherheit der Angegriffenen wurde von Präsident Demirel mit folgender Bemerkung verweigert: "Laßt mein Volk mit meiner Polizei nicht gegeneinander aufbringen!" (Gölbasi 1997: 75) Demirel stellte klar, wer aus der Sicht der politischen Elite zum Volk bzw. zur Kerngesellschaft gehörte und wer nicht. Viele Medieninstanzen machten aus den Opfern Täter. Die Chefkommentatoren der auflagenstärksten bzw. staatstragenden Medien (Hürriyet, Sabah, Milliyet) wie die islamistischen oder nationalreligiösen Zeitungen Zaman[23], Milli Gazete[24] und Türkiye[25] machten Aziz Nesin für die Provokation verantwortlich und entlasteten somit die Täter (vgl. Tusalp 1998: 36-37; Tusalp 1999: 183-184; Cuma Nr.204 / 8.07.1994, S.30-31). Auch juristische Instanzen des Staates gaben zunächst milde Urteile gegen alle vom späteren Justizminister der Refah-Regierung Sevket Kazan verteidigten 124 Angeklagten und beschuldigten stattdessen Aziz Nesin der Volksverhetzung, worauf die Todesstrafe steht. 26 Angeklagten bekamen 15, 60 3 Jahre, während 37 freigesprochen wurden (vgl. Die Tageszeitung Nr. 4394 / 18.08.1994, S. 8; Die Tageszeitung Nr.4503 / 27.12.1994, S. 2; Die Tageszeitung Nr.4504 / 28.12.1994, S. 10; Cumhuriyet Hafta Nr.20 / 2001 / 18.05.2001, S.6)[26][27]. Die traumatisierende Opfererfahrung und die einseitige Parteinahme der politischen Elite, der Sicherheitskräfte, Medien- und Justizinstanzen erschütterte nachhaltig das Vertauen der Aleviten gegenüber dem Herrschaftssystem (vgl. Dural 1995: 148).
Massaker von Gazi (12.03.1995)
Die konfessionelle Sicherheit der Aleviten wurde auch direkt von Angehörigen staatlicher Instanzen zur Durchsetzung von Recht und Ordnung bedroht, wozu die Übergriffe durch die Polizei im Istanbuler Viertel Gazi zählen können. Nachdem ein alevitischer Dede von Unbekannten in einem Café in dem von Aleviten bewohnten Viertel erschossen wurde und Polizisten samt Einheiten zur Spurensicherung sowie dem Staatsanwalt auch nach Stunden nach dem Anschlag nicht am Tatort eingetroffen waren, kam es zu Protesten örtlicher Anwohner. Die neu erlittene Opfererfahrung zusammen mit staatlicher Indifferenz zählen zu den Ursachen des Vertrauensverlustes der Aleviten an den Staat und begünstigen die Neigung, Konflikte eigenständig ohne staatlicher Einmischung lösen zu wollen. Denn Aleviten "haben Sivas nicht vergessen, auch damals hat die Polizei zugeschaut" (Die Tageszeitung Nr.4569 / 14.03.1995, S. 3), aber "diesmal werden wir unser Recht einfordern." (Dural 1995: 20) Die Folge waren tagelange Unruhen mit 17 Toten. Polizeiangehörige hatten das Feuer auf die Demonstranten eröffnet[28]. Die Autopsie der Leichen ergab, daß dreizehn der 17 Toten von Polizeikugeln getötet wurden (vgl. Erzeren 1997: 127). Ein Großteil der Menschen waren durch einen gezielten tödlichen Schuß umgekommen (vgl. Dural 1995: 155 f.). Bei den täglichen Übergriffen der Polizei intervenierte zum Teil erfolgreich auch einmal die türkische Armee zum Schutze der alevitischen Bevölkerung vor der Polizei. Sie bildete dazu einen Schutzpuffer zwischen alevitischer Zivilbevölkerung und den Polizisten (vgl. Dural 1995: 59, 64). Ein möglicher Erklärungsgrund für das Verhalten örtlicher Polizisten ist der mehrfach wegen "Folter" und "Mord" angeklagte und in den Krisenviertel versetzte nationalreligiöse Polizeichef Mehmet Tokus, der ihnen entsprechende Handlungsanweisungen gab (vgl. Dural 1995: 124). Darüber hinaus ist der Anteil nationalreligiöser Personen türkisch-sunnitischer Herkunft in der Polizei durch den seit 1974 gewährten Zugang von Imam-Hatip-Schulabsolventen an Polizeiakademien angestiegen (vgl. van Bruinessen o.J.: 3; Tagesanzeiger 16.03.1996, S. 2). Dadurch wurden staatliche Organe zur Rechtsdurchsetzung von religiös sozialisierten Sunniten unterwandert, die gegen die für "Muslime" als Negativbeispiel dienenden Aleviten vorgingen.
www.alewiten.com, 17.12.2002
[1] Dies wurde 1987 durch ein Referendum später wieder aufgehoben.
[2] Bei den ersten freien Wahlen nach dem Putsch stellte die neugegründete und der 1980 verbotenen AP ähnelnde nationalkonservative Mutterlandspartei (Anavatan Partisi, ANAP) von Turgut Özal 1983 und 1987 die Regierung.
[3] Die südostanatolischen Landlords, Clanchefs und Scheichs waren schon zuvor von der Türkei als die kurdisch- (islamische) sozialökonomische Elite zur Vermeidung weiterer Aufstände auf Kosten kemalistischer, antifeudalistischer Leitmotive und der von ihnen abhängigen 'leibeigenen' bäuerlichen Landbevölkerung kooptiert worden. Es "wurden kurdische Gesellschaftsstrukturen in das politische System des Staates eingebunden: Die Stammesführer, Clanchefs und Großgrundbesitzer ... wurden Vertreter der politischen Parteien. Sie saßen als Abgeordnete im Parlament in Ankara, repräsentierten den türkischen Staat im 'Osten' und stellten sicher, daß das Stammesvolk 'richtig' wählte. Dafür akzeptierte der Staat die Herrschafts- und Besitzverhältnisse" (Steinbach 2000: 105) im Südosten. Die einseitige Begünstigung der Feudalelite mit der Benachteiligung der Landbevölkerung als Folge, verbunden mit der nach der Beginn der Wirtschaftsliberalisierung verstärkten, marktwirtschaftlich legitimierten Vernachlässigung des Ostens zugunsten der westlichen Großstädte zählen u.a. zu wesentlichen Ursachen der Verrandung der lokalen Bevölkerung kurdischer Abstammung sowie der Zaza. Diese Faktoren begünstigten auch deren separatistische Abkehr von der Kerngesellschaft und von dem Herrschaftssystem.
[4] Die separatistische PKK-Bewegung hatte sich in den 80er Jahren vordringlich in den von sunnitischen Kurden bewohnten Gebieten verbreitet (vgl. Perincek 1993: 140).
[5] Die durch die Opfererfahrungen von Spaltung, ausländischer Intervention, Besetzung, Herabstufung vom Staatsvolk zur ethnischen Minderheit, Verfolgung und Vernichtung am Ende des Osmanischen Reiches traumatisierten muslimischen Türken (Akcam 1994: 56; Bora 1995: 136) müßten neben einigen Aufständen auch die Rezeption ethnokonfessioneller Vielfalt (kurdische oder / und alevitische Identität) dahingehend geprägt haben, daß diese Phänomene aus Furcht vor künftiger Spaltung kritisch-distanziert betrachtet und Assimilationsversuche legitimiert werden.
[6] Eine Ursache für den Anstieg der Wähler der islamistischen Refah-Partei, der Nachfolgerin der MSP, war die Zunahme der religiös sozialisierter Absolventen dieser Schulen (vgl. Engin 1998a: 89).
[7] Im Jahre 1995 betrug die Zahl der Absolventen der Imam-Hatip-Schulen und der Theologischen Fakultäten 53.553 Personen, wohingegen nur 2.288 für Religionsberufe gebraucht wurden. Deshalb schrieben sich 1995 die meisten Absolventen in Politologie / Verwaltungswissenschaften, Jura oder bei Polizeiakademien ein. Dies ist ein Beleg für die Rekrutierung der künftigen Elite des Landes auch von orthodox-religiös sozialisierten Personen (vgl. Kaynak Yayinevi 1997: 83).
[8] Gleichzeitig wird mit dem Bezug auf den von Atatürk gegen griechische Truppen geführten "Großen Angriff" vom 26. August 1922 eine historische Kontinuität zwischen dem 26.8.1071 und 1922, zwischen der Eroberung und 'endgültigen Befreiung' Anatoliens hergestellt und Türken / Moslems als rechtmäßige Eigentümer dieses Territoriums dargestellt (vgl. Copeaux 1998: 166).
[9] Wenn man nur den sunnitischen Religionsunterricht für Aleviten und den Bau der Moscheen in den alevitischen Dörfern berücksichtigt, verbirgt sich eher keine Logik der Apartheid gegen die Aleviten. Vielmehr sollen diese durch Assimilierung an die sunnitische Gesellschaft herangeführt und dadurch sunnitisch eingemeindet werden.
[10] Nach einem von diesem Amt an die Provinz-Muftis verschickten und eiligst zurückgeforderten Schreiben wurde das Alevitentum als ein der sunnitischen Rechtsschule angehörender Weg anerkannt (vgl. Alptekin 2001: 6; Kaplan 2001: 5).
[11] Vergleiche zur PKK Kislali (1996) und Pirim / Örtülü (1999) und Feigl (1995).
[12] Auch die PKK rivalisierte mit der Armee um die Loyalität religiöser, kurdischer Sunniten. Dies geht aus ihren Printmedien hervor, die den nationalreligiösen Staat als kemalistisch und somit als atheistisch brandmarken: "Der Kemalismus ist, wie das viele angesehene Theologen sagen, die Herrschaft des [lügnerischen Propheten; BG] Deccal. Die Muslime, die mit ihm zusammenarbeiten, säen nicht nur Zwietracht unter den Muslimen, sondern sind eigentlich Ungläubige ... Die Orientierung der PKK ist unbestreitbar eine islamische. Was heute die PKK von dem ... Kämpfern des Islam ... trennt, das sind nur die ... Bezeichnungen, im Grunde sind PKK und Glaubenskämpfer ein und dasselbe ... Als Ergebnis unseres Kampfes kann etwas entstehen, was dem Goldenen Zeitalter ... [der Herrschaft der ersten vier Kalifen; BG] sehr nahekommt." (PKK-Organ, zitiert von Seufert 1997b: 224)
[13] Die Unterstützung der Hisbollah hörte spätestens 1999 auf, als staatliche Sicherheitskräfte gegen diese religiöse Gegenmacht zur PKK vorgingen. Es wurden vor allem nach dem säkularistischen Memorandum der Armee vom 28.02.1997 auch Operationen gegen die Hizbullah durchgeführt (vgl. Cicek 1999: 105), um vermutlich das bisher herrschende Werte- und Normensystem auch vorm erstarkenden umstürzlerischen Islamismus zu schützen. Eine weitere mögliche Erklärung ist die Überflüssigkeit der Hizbullah als staatlich gestützte Gegenmacht seit den bedeutsamen Siegen über die PKK Anfang 1999.
[14] Özal hob zwar auch die Antikommunismusparagraphen 141-142 auf, aber die Legalisierung der seit dem Putsch zerschlagenen Linken bei gleichzeitiger staatlich geförderter sunnitischer Islamisierung hatte keine so weitreichenden Konsequenzen wie die rechtliche Zulassung islamistischen Verhaltens.
[15] Wirtschaftliche Probleme der Türkei sind wohl strukturbedingt. Die Türkei war durch die Liberalisierung der Wirtschaft zu einem importabhängigen Land geworden, wonach Einfuhren durch Devisen bezahlt werden mußten. Wichtige Deviseneinnahmequellen waren Exporte von Rohstoffen oder von Agrarprodukten, deren Preise am Weltmarkt im Vergleich zu anderen Industrieprodukten niedrig sind. Da dadurch steigende Deviseneinnahmen nicht möglich waren, kam es oft zu Zahlungsbilanzdefiziten. Dies ließ sich durch ausländische Kredite auffangen, was stärkere politische und ökonomische Abhängigkeit von ausländischen Eliten zur Folge hatte. Mit "dem weiteren Ansteigen von Schulden und Defiziten verliert das Land seine internationale Kreditwürdigkeit, Devisen werden knapp, und zur [eigenen; BG] Produktion notwendige Waren können nicht mehr in ausreichender Menge eingeführt werden. Das Sozialprodukt sinkt, die knappen Waren heizen die Inflation an." (Werle / Kreile 1985: 52)
[16] Die ökonomische Verrandung der Arbeitnehmer und Landwirte verstärkten die sozialen und ökonomische Differenzen in der türkischen Gesellschaft. Die wirtschaftlich verrandeten Massen wurden anfällig für extreme und sinnstiftende Ideologien: "Da der gegenwärtige Zustand abgelehnt wird, findet entweder eine Rückbesinnung auf angeblich bessere frühere Zeiten statt, oder es wird die Forderung erhoben, alles grundlegend neu und besser zu machen." (Werle / Kreile 1985: 65) Die stattfindenden sozialökonomischen Krisen erweckten bei religiösen Sunniten den Wunsch zu jener Zeit zurückzugehen, "als der sunnitische Islam noch Herrschaftsideologie war, während die Aleviten dies als Bedrohung empfinden mußten und deshalb als links eingestuft wurden." (Werle / Kreile 1985: 66)
[17] Weitere Embleme sind Aufkleber für die Autoheckscheiben mit Sprüchen wie "Der einzige Weg ist der Islam!", "Die Souveränität gehört ... Allah!", "Der einzige Weg ist Refah!" (Cetinkaya 1996: 24)
[18] Deshalb hält ein alevitischer Dönerhändler, ein guter Bekannter, seine Herkunft anderen Sunniten gegenüber geheim.
[19] Die PKK ging auf die alevitisch-sunnitische Problematik ein und versuchte daraus, Kapital zu schlagen: Das "Zülfikar [bzw. das Schwert Alis; BG] ist in der Hand der Guerilla." (Sener / Ilknur 1995: 65) Die PKK versuchte alevitische Kurden durch entsprechende Nebenorganisationen und Zeitschriften (Zülfikar) an sich zu binden (vgl. van Bruinessen 1997: 18).
[20] Ein möglicher Grund für das Herunterspielen von religösen Unterschieden und Konflikten kann das erwähnte Trauma der Zerstückelung des Osmanenreiches durch separatistische vom Ausland unterstützter Minderheiten sein, die zur Verfolgung und Vernichtung der Moslem-Türken führte. Diese begegnen dann aus Furcht vor künftiger Spaltung ethnischen oder konfessionellen Bewegungen kritisch-distanziert.
[21] Das ist die Abkürzung für Republik Türkei. Gegner des Staates Republik Türkei (Türkiye Cumhuriyeti) benutzen als Hinweis für ihre Geringschätzung die Kürzel 'TC' ohne Punkte.
[22] Er ist heute Parlamentarier für die inzwischen verbotene Tugendpartei.
[23] Das ist die Zeitung der Fethullah-Gruppe des sunnitischen Nurcu-Ordens (vgl. Seufert 1997a: 49). Diese Gruppe wird von Fethullah Gülen angeführt (vgl. Bulut 1999).
[24] Die Milli Gazete ist Parteiorgan Refah- bzw. der Fazilet-Partei (vgl. Seufert 1997a: 49).
[25] Türkiye gehört dem Ihlas-Konzern, dem Kern der Isikci-Gruppe des Nakschibendi-Ordens (vgl. Seufert 1997a: 49).
[26] Ein Angeklagter war flüchtig.
[27] Der Prozeß wurde mehrmals jeweils nach den Einsprüchen des Kassationsgerichtshofes, der die Urteile zu mild fand, aufgerollt. Das letzte Urteil des zuständigen Staatssicherheitsgerichts wurde am 10.05.2001 zum großen Teil mit u.a. 31 Todesurteilen bestätigt. Die Angeklagten wurden zum Tod verurteilt, weil sie nach neuester Auffassung des Gerichtes im Rahmen eines organisierten Verbrechens den Umsturz des säkularen Staates geplant und dabei Verhaltensweise und Gedanken von des damit rehabilitierten Aziz Nesin als Vorwand dazu genommen haben (vgl. Cumhuriyet Hafta Nr.20 / 2001 / 18.05.2001, S.6).
[28] Es hat aber auch Polizisten gegeben, die verletzte Kinder vor den Auseinandersetzungen schützend wegbrachten (vgl. Dural 1995: 65).