1.3 Zur Situation der Aleviten zwischen dem Putsch vom 12.3.1971 bis zum dritten Coup d'État am 12.9.1980

a)      Vorgeschichte: Herstellung der Sicherheit und Aufrechterhaltung der Herrschaftsordnung durch Verhängung des Kriegsrechts, der strafrechtlichen Verfolgung der Opposition und durch Reislamisierung von 'oben'

Das Militär zwang zunächst Demirel zum Rückzug, verlangte in seinem Memorandum vom 12. März ein hartes Vorgehen in den Auseinandersetzungen und setzte dann deine überparteiliche Regierung ein. Es wurde in einigen Provinzen (darunter Istanbul, Ankara, Izmir) das Kriegsrecht bzw. die Geltung besonderer Werte und Normen mit der Einschränkung der Menschenrechte verhängt, wo allein das Militär für die Sicherheit und Ordnung zuständig war (vgl. Kongar 1998: 174; Rinehart 1988: 65; Weiher 1978: 148 ff.; Hofmann / Balkan 1985: 59). Laut Roth und Taylan waren schon im voraus Pläne für die Massenverhaftung ausgearbeitet worden:

"In einer einzigen Nacht verhaftete man 4000 Professoren, Studenten, Lehrer und pensionierte Offiziere. In den folgenden Tagen wurden sie ... gefoltert und schließlich in Massenprozessen von Militärgerichten abgeurteilt." (Roth / Taylan 1982: 89)

Es wurden besondere Staatssicherheitsgerichte zur strafrechtlichen Verfolgung eingeführt (vgl. Sönmez 1985: 87), in der hauptsächlich linksorientierte Personen angeklagt wurden. Im Frühjahr 1972 gab es 10.000 politische Gefangene, drei Angehörige der THKO-Organisation (darunter Deniz Gezmis[1]) wurden als Abschreckungsbeispiele hingerichtet, 24 weitere Organisationsmitglieder linker militanter Vereinigungen starben bei bewaffneten Kämpfen mit Sicherheitskräften[2], linke Organisationen und Parteien wurden verboten, wohingegen gegen die MHP nicht vorgegangen wurde. Linke, unter denen Aleviten vermutlich überrepräsentiert waren, dienten gerade durch ihre Verrandung zur Sicherung der Ordnung. Durch ihre negative Sanktionierung wurden sie vor der politischen und gewaltsamen Veränderung des Status quo ferngehalten und waren auch noch ein Abschreckungsbeispiel für andere Oppositionelle.

Die Armeeführung ließ die liberale 1961er Verfassung verändern. Damit wurde der linke 'Mißbrauch' der Grundrechte erschwert, die Verhängung des Ausnahmezustands bzw. die Verfolgung der Opposition rechtlich erleichtert (vgl. Weiher 1978: 166).

Die Trägerschichten des Memorandums waren die türkische mit dem ausländischem Kapital zusammenarbeitende Wirtschaftselite (Großbürgertum und Landlords) und die inzwischen zur industriellen Oberschicht aufgestiegene Armee. Diese hatte durch die Veränderung ihrer ökonomischen Interessenslage nach der Gründung des zum Konzern aufgestiegenen OYAK-Hilfsfonds auch ihre politische Richtung gewechselt. Die türkische Generalität hatte 1961 das Unternehmen "Solidaritätsfond für die Armee" (Ordu Yardimlasma Kurumu, OYAK) gegründet, das sich zunächst durch Prozentabzüge der Offiziere finanzierte, um ihnen später Sozialhilfe (Alters- und Invalidenversicherung) zu leisten. Später diente OYAK auch zur Kreditvergabe an Offiziere, beteiligte sich an anderen türkischen und internationalen Unternehmungen in der Autoindustrie, Erdöl-Petrochemie, in der Zement-, Wohnungsbau-, Tourismus-, Kaufhaus- und Versicherungsbranche sowie im Bankenwesen. OYAK entwickelte sich immer mehr zum einen der größten Holdingunternehmen der Türkei. Die neue wirtschaftliche Lage der Streitkräfte veränderte auch den politischen Standort der Armee. Die Militärs wurden "vom Hüter des Kemalismus zu Hütern der Großindustrie." (Werle / Kreile 1987: 61; vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 69 f.; Weiher 1978: 147; Bulut 1995: 71; Roth / Taylan 1982: 81 f.)

Um den linken Herrschaftsentzug zu verhindern, wurden nicht nur linke Personen, Professoren, Studierende, Verbände, militante Organisationen, Medien und Parteien verfolgt (kurzfristige Repression), sondern die sunnitische Reislamisierung wurde auch durch die Militärs und durch die von ihnen abhängige überparteiliche Regierungskoalition zur langfristigen ideologischen Herrschaftssicherung vorangetrieben:

-         Der Bau von Moscheen zum Abhalten sunnitischer Gebetsriten und Vermitteln von antikommunistischen orthodox-islamischen Werten und Normen wurde auch in Kasernen zur entsprechenden Sozialisation der Soldaten beschlossen.

-         In Militärschulen sollte der Religionsunterricht auch nicht mehr von Dozenten der als links geltenden ODTÜ-Universität erfolgen.

-         Es wurden von einem General Lehrbücher verfaßt, in der der (sunnitische) Islam gepriesen und Atatürk zum gläubigen Muslim umdefiniert wurde (vgl. Bulut 1995: 72-73).

-         1972 wurde eine Gesetzesvorlage eingereicht, die die "Verspottung oder Beleidigung Allahs" unter Gefängnisstrafe stellte. Derjenige, der Menschen vom Beten abhielt oder Propheten kritisierte, konnte fortan auch mit Strafverfolgung rechnen. Antireligiöses bzw. islamkritisches Verhalten wurde dadurch zum abweichenden Verhalten definiert.

-         Es wurden alle Religionsdiener des Präsidiums für Religionsangelegenheiten verbeamtet.

b)     Die Koalition zwischen der CHP und der MSP (1973-1975)

Bei den ersten freien Wahlen nach dem Coup d'État wurde die Koalition zwischen der sozialdemokratischen CHP von Bülent Ecevit und der neu gegründeten ähnliche Sozialprogramme beinhaltenden sunnitisch-islamistischen Nationalen Heilspartei (Milli Selamet Partisi; MSP)[3] des Angehörigen des Nakschibendi-Ordens Necmettin Erbakan gebildet.

Da sich die politische Regierungselite auch von der MSP zusammensetzte und die Mehrheitsfähigkeit der CHP-geführten Regierung sicherte, wurden ihr einige Zugeständnisse eingeräumt:

-         Die MSP wollte den Bierausschank als Bestandteil der sunnitischen Enthaltsamkeitsrituals in Lokalen verbieten.

-         Sie wehrte sich hartnäckig gegen die Einführung der Erlaubnis für Zollbeamtinnen und Polizistinnen, Minirock zu tragen.

-         Sie setzte den Bau weiterer Imam-Hatip-Oberschulen als neue medrese zur Vermittlung und Verinnerlichung sunnitisch-islamistischer Werte, Deutungsmuster und Normen durch.

-         Es wurde von der MSP versucht, den sunnitischen Religionsunterricht in allen Klassenstufen einzuführen.

-         Die Erlaubnis für die sunnitische Pilgerfahrt nach Mekka auch auf dem Landweg (als Bestandteil der Fünf Säulen) wurde künftig erteilt.

-         Das faktisch außer Kraft gesetzte Verbot der Bücher mit religiösem Inhalt wurde auch de jure aufgehoben.

-         Die staatliche Kostenbeteiligung bei den Bau von Korankursen (als Sozialisationsinstanzen zur Vermittlung von orthodox-islamischen werten und Normen) wurde auch eingeführt (vgl. Saribay 1984: 268).

-         Absolventen der religiösen Prediger- und Vorbeterschulen (Imam-Hatip-Schulen), die nicht zur Armee gegangen waren, konnten nun auch Polizisten werden. Dadurch wurden Teile der bewaffneten staatlichen Instanzen der Rechtsdurchsetzung von Islamisten unterwandert (vgl. Tusalp 1999: 37).

Die jeweils durch Zugeständnisse neu veralltäglichte Situation wurde zur Ausgangslage neuer Forderungen der MSP: Künftig sollten Absolventen der Predigerschulen auch Zugang zur Universität bzw. zu weiteren Bildungsressourcen bilden, um Teil der türkischen Bildungs- oder auch sogar der politisch-administrativen Elite zu werden (vgl. Gölbasi 1997: 31-32).

c)      Vom Beginn der Bürgerkriegsähnlichen Zustände ab 1975 über die Zeit der Regierungen der Nationalistischen Front bis zum Militärputsch vom 12.September 1980

Diese Jahre können m.E. als Zeitraum des Machtkampfes zwischen den linksorientierten und bürgerlich-nationalkonservativen politischen Eliten betrachtet werden. Dieser Konflikt verlagerte sich auf die Straßen und wies bürgerkriegsähnliche Züge auf. Die linksorientierten Akteure wurden auf parteipolitischer Ebene durch die postkemalistische sozialdemokratische Republikanische Volkspartei (CHP) vertreten, wobei deren Gegner, die Nachfolgerin der Demokratischen Partei (DP), die Gerechtigkeitspartei (AP), war. Letztere koalierte ab 1975 mit der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) von Ex-Oberst Türkes ('Graue Wölfe') und der sunnitisch-islamistischen Nationalen Heilspartei von Erbakan (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 60f.; Werle / Kreile 1987: 79f.; vgl. Seufert 1997a: 83). Dies führte zur Obstruktion im Parlament und verstärkte die politische Polarisation in der Gesellschaft und Instabilität im Lande. Die Regierungen unter der CHP und der Koalition der 'Nationalistischen Front' (AP+MHP+MSP) lösten sich wechselseitig ab (vgl. Pevsner 1984: 64ff.). Das seit Menderes in der Öffentlichkeit vorhandene sunnitisch–islamisch geprägte konservative Werte- und Normensystem wurde unter den Regierungen der 'Nationalistischen Front' (Milliyetci Cephe; MC) als Legitimationsgrundlage und Gegenideologie zur Abwehr linksorientierter Bestrebungen (vgl. Seufert 1997a: 83) weiter verstärkt, was m.E. die Zugehörigkeit zur Konfession als Abgrenzungs- und Diskriminierungsmerkmal zur Definition der Kerngesellschaft weitere Bedeutsamkeit verlieh. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände zwischen Links- und Rechtsorientierten waren Folge dieser Polarisierung:

"Grob vereinfacht verlief die Konfliktlinie der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen türkisch-sunnitischen-rechtsextremen (MHP-orientierten) Gruppen auf der einen und kurdisch-alevitisch-linksextremistischen Kräften ... auf der anderen Seite." (Kramer 1981: 45)

The leftists

"assaulted politicians and public officials, the police, journalists and members of rival groups. United States service personal stationed in Turkey were also targets for attack." (Rinehart 1988: 80)

Die Aleviten identifizierten sich mit der linksorientierten CHP als Garantin des Säkularismus und damit ihrer konfessionellen Minderheitenlage (vgl. Pevsner 1984: 74). Die Unterstützung der Linken durch die Aleviten als Verhaltensweise kann m.E. nicht nur dadurch erklärt werden, daß diese ihre Lage verbessern wollte. Der Autor dieser Arbeit unterstellt ungeprüft, daß sie wegen ihrer Distanz zur Kerngesellschaft als soziale Randgruppen die allgemeinen Dysfunktionen des Herrschaftssystems bzw. der Herrschaftsordnung eher erkennen und innovative Funktionen ausüben konnten. Zur sozialen Konstruktion der Aleviten als Linke wurden Geschichte und Traditionen der Aleviten als eine protosozialistische Glaubensgemeinschaft umdefiniert (vgl. Seufert 1997a: 75):

"In this ideologically heated period the Alevis’ (self-) identification with left-wing revolutionary ideologies led to a politicization of the traditional religious dichotomy in the country. The extreme right-winged Party of the National Movement (MHP) was able to instrumentalize this situation toward the end of the 1970s" (Kehl-Bodrogi 1997a: XIII).

Diese Partei mobilisierte laut Werle und Kreile in konfessionell gemischten Wahlkreisen tradierte sunnitische Wahrnehmungs- und Deutungsmuster und Vorurteile gegen die als Linke wahrgenommene Aleviten. Diese galten nun als Ursache für ökonomische Miseren (vgl. Werle / Kreile 1987: 92) und erfüllten als Aggressionsobjekte eine Ventilfunktion.

Teile der Grauen Wölfe

"schießen auf Linksdemonstranten, auf Arbeitervertreter, auf Linksintellektuelle, auf Intellektuelle überhaupt, auf führende Mitglieder der [temporär an der Macht gebliebenen; BG] Regierungspartei Ecevits, deren sozialdemokratische Ausrichtung ... immer wieder als >kommunistisch< verschrien wird. Sie schießen ferner auf Mitglieder der ethnischen und religiösen Minderheiten, auf ... Alewiten, die in vielen Fällen der türkischen Linken nahestehen, weil es sich um Gemeinschaften handelt, die sich über eine Diskriminierung von Seiten ... der türkischen Sunniten beklagen." (Werle / Kreile 1987: 79)

·        Bei diesen täglich stattfindenden bewaffneten Auseinandersetzungen sind zwischen 1975 und 1980 5.000 Menschen gestorben (vgl. Kongar 1998: 200). In 31 von 67 Provinzen der Türkei wurden von den linken und rechten Extremisten sogenannte "Befreite Zonen" eingerichtet, die sich dem Zugriff staatlicher Ordnungsmächte (Justiz, Polizei, Armee) entzogen und denen die jeweilige Organisation gegen Angehörige des jeweiligen Gegners wütete (vgl. Pevsner 1984: 68).

Die Regierungskoalition der 'Nationalistischen Front': Unterwanderung staatlicher Institutionen und gesellschaftliche Islamisierung sowie Bekämpfung der Linken und der Aleviten (von 1975 bis Ende 1977)

Diese u.a. aus AP, MHP und MSP bestehende Koalition verstärkte zur langfristigen Herrschaftssicherung die weitere sunnitische Reislamisierung: Linke bzw. alevitischverdächtige Personen wurden während ihrer Herrschaft beruflich diskriminiert und verrandet. Es wurden linke bzw. linksverdächtige Personen vom administrativen und juristischen Verwaltungsbereich entfernt. Sie trugen als diskriminierte Ressourcenlieferer zur Stabilität der Kerngesellschaft rechter türkischer Sunniten bei. Sie erfüllten vermutlich gerade durch ihre Verrandung eine Ressourcenliefererfunktion und dienten für andere als Abschreckungsbeispiel. Es wurden 1365 Beamte gekündigt, 2500 Techniker entlassen, 14000 Beamte in 4 Ministerien zwangsversetzt, 19 von 68 Provinzleitern abgesetzt und 41 mit subalternen Aufgaben vertraut, 489 Staatsanwälte und 200 Stellvertreter versetzt, 46 Sicherheitsdirektoren in ihren Provinzen entlassen und 100 Arbeitsinspektoren abgelöst (vgl. Sönmez 1985: 89).

Die Zahl der neuen medrese, der Imam-Hatip-Schulen und die der Schüler wuchs weiter an. Diese wurden zu Zentren islamischer Aktivitäten. Die MSP ließ Parteimitglieder in das Präsidium für Religionsangelegenheiten unterkommen. Es wurden weitere Moscheen (als Medieninstanzen und Orte für sunnitische Gebetstriten zur zeremoniellen Schaffung islamischer Identität) gebaut und zusätzliche Stellen für sunnitisch-islamische Geistliche und Prediger (als definitionsmächtige Personen mit psychischer Gewalt über gläubige Muslime) geschaffen. Die Zahl der Korankurse wurde von 4000 auf 6000 erhöht (vgl. Sönmez 1985: 91).

Die sunnitische Reislamisierung der Politik und Öffentlichkeit war so vorangeschritten, daß der Präsident des Amtes für Religionsangelegenheiten sich traute, für die Einführung der Scharia zu sprechen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen (vgl. Roth / Taylan 1982: 157).

Die Hervorhebung der Religion in den Schulen machte auch vor Lehrbüchern nicht halt, die wieder antialevitische Vorurteile enthielten (vgl. Bozkurt 1993: 78).

Auch die Nationalistische Aktionspartei (MHP) hatte aus wahltaktischen Gründen ihre bisherige Ideologie durch die nationalreligiöse Türkisch-Islamische Synthese zur Propagierung türkischer Sunniten als Kerngesellschaft ersetzt (vgl. Arikan 1998: 123). Ihre Erfolge gehen auch auf das Ausnutzen bestehender Vorurteile gegenüber Aleviten der wirtschaftlich in ihrem Status bedrohten sunnitischen Bevölkerungsmehrheit im konfessionell gemischten Zentral- und Ostanatolien zurück (vgl. Werle / Kreile 1987: 92; Birand 1987: 60), die ihre Marktmacht an aufsteigende Aleviten abgeben mußte (vgl. Sener 1995: 155). Die Aleviten erfüllten als Randgruppe eine Sündenbockfunktion und stellten somit ein Aggressionsventil für die wirtschaftlich verrandeten sunnitischen Kleinunternehmer dar, die sowohl von dem durch die AP begünstigten städtischen Großbürgertum im Wettbewerb und von der neuen alevitischen Mittelschicht vom Markt verdrängt wurden[4]:

"Die Aleviten, angeklagt des Kommunismus und der schrecklichsten religiösen Heterodoxien, wurden zu Sündenböcken der Frustration einer sunnitischen Kleinbourgeoisie gestempelt." (van Bruinessen 1984b: 39; vgl. Laciner 1984)

Dadurch lenkten Aleviten als Fokus für Aggressionen von den marktwirtschaftlichen Konkurrenzbedingungen ab, worauf die Herrschaftsordnung beruht, und stabilisierten den Status quo.

Mit dem Primat der Gewalt ihrer damaligen Neben- und Tarnorganisationen setzte sich die nationalreligiöse MHP gegen die bisher gewaltlose sunnitisch-islamistische MSP, die den Schwerpunkt auf den langen Marsch durch die republikanischen Institutionen legte, allmählich durch (vgl. Laciner 1984: 251; Agaogullari 1987: 203)[5].

Die Koalitionspartnerin und Teil der politischen Regierungselite MHP wurde auch Teil der administrativen Führungsschicht. Es wurden insgesamt 295.000 Beamte eingestellt (vgl. Pekmezci / Büyükyildiz 1999: 65). Die Nationalistische Aktionspartei dominierte auch in den Ministerien für Zölle, Monopole, Handel und Bildung. Darüber hinaus kontrollierte sie das Staatliche Institut für Statistik und das Untersekretariat für Landreformen. Sie plazierte Anhänger in zahlreiche Unternehmungen wie zum Beispiel in Taris (vgl. Agaogullari 1987: 201). Diese Instanzen und Einrichtungen dienten ihnen auch zur weiteren Ressourcenallokation. Denn die Kontrolle über die Ressourcenvergabe (z.B.: Einstellung von Beamten in diese Instanzen) war nicht mehr von der Leistung, sondern von der Gesinnung abhängig. Ab 1976 gewannen hauptsächlich MHP-Anhänger die Aufnahmeprüfungen von pädagogischen Hochschulen, da sie die Prüfungsfragen entweder vorher bekommen hatten oder nur ideologische bzw. religiöse Fragen gestellt bekommen hatten. Letztere konnten nur Personen beantworten, die sich mit der sunnitischen Konfession oder mit der nationalreligiösen Ideologie der Grauen Wölfe beschäftigt hatten: "Wie heißen die Töchter unseres Propheten?", "Wer ist der größte Führer?", "Wie oft muß am Samstag Mittag gebetet werden?", "Zählen Sie alle Bücher vom Führer auf, und sagen Sie, welcher Verlag sie betreibt." Auf diese Weise wurden 36000 MHP'ler in die Lehrerhochschule eingeschleust. Absolventen dieser Schule wurden als Lehrer an staatlichen Schulen beschäftigt, wo sie künftig ihre nationalreligiöse Gesinnung sanktioniert durchsetzen konnten (vgl. Roth / Taylan 1982: 128-129). Nichtdazugehörige bzw. gessinungskonträre Personen (vordringlich Linke oder Aleviten) wurden negativ diskriminiert und erfüllten somit eine Ressourcenliefererfunktion für nationalreligiöse türkische Sunniten.

·        Die Minderheitsregierung der CHP (1.1.1978-11.11.1979)

Teile der Grauen Wölfe starteten während der Herrschaft der 'Nationalistischen Front' und der der CHP-Minderheitenregierung mit ihren Neben- und Tarnorganisationen auch Angriffe auf Mitglieder und Führer linker Gewerkschaften, Parteien, Organisationen, linke Professoren und gegen das alevitische Kollektiv in Malatya, Maras, Corum und Sivas (vgl. Agaogullari 1987: 204). Die darauffolgende staatliche Verfolgung der MHP wurde unter Ecevit eingeleitet. Es wurde z.B. eine Sondereinsatzgruppe der Polizei zur Ermittlung der Straftaten der Angehörigen oder Sympathisanten der MHP unter Ecevit gegründet, deren Leiter Cevat Yurdakul später einem Anschlag zum Opfer fiel (vgl. Roth / Taylan 1982: 135).

Die Angriffe von Angehörigen der MHP richteten sich nicht nur gegen Linke, sondern auch gegen Aleviten als Kollektiv samt Frauen und Kindern. Dies kann u.a. folgende Ursachen haben:

-         Ausbalancierung der Linken, damit die Türkei nicht ins sowjetische Lager abdriftet;

-         Beweislieferung für die Unfähigkeit der Regierung Ecevit zur Aufrechterhaltung der Inneren Sicherheit, falls die Anschläge zur Regierungszeit der CHP stattfanden;

-         Eskalation der Konflikte mit der Linken zur Provokation einer antikommunistischen Intervention durch die Armee;

-         Außerparlamentarisches Erringen der Regierungsgewalt, falls die Anschläge zur Herrschaftszeit der CHP stattfanden;

-         Abschreckung der Aleviten vor künftigen 'linken' Verhaltensweisen, da die Opfer als Abschreckungsbeispiel dienten;

-         durch die konfessionelle Zerschlagung der Aleviten sollte der Linken ihre demographische Grundlage genommen, um auch bei Wahlen den relativen Anteil linker Wähler in Wahlbezirken zu senken (vgl. Erdost 1999: 235).

Dabei stachelten Teile der Graue Wölfe in Maras, Corum, Malatya und Sivas durch die Dämonisierung der Aleviten und durch die Remobilisierung antialevitischer Deutungsmuster religiöse Angehörige der Sunniten auf.

Massaker von Malatya

In Malatya detonierte ein Bombenpaket, bei der der sunnitische Bürgermeister Hamit Fendoglu und seine Angehörigen starben. Tausende, von der Angehörigen der Nationalistischen Aktionspartei aufgestachelte Sunniten, die sich auf die Nachricht der Anschläge versammelt hatten, "begaben sich zu den Arbeitsstellen der Aleviten, die sie ins Brand stecken. Zehn Menschen sind dabei ums Leben gekommen und Hunderte wurden verletzt." (Laciner 1984: 253) Nach der subjektiven Deutung der Lage durch die Aleviten war die Chance künftiger bevorstehenden Massaker durch radikale Sunniten so hoch eingeschätzt worden, so daß sie sich zur Gewährleistung der konfessionellen Sicherheit in Ghettos zurückgezogen hatten. Die als Reaktion auf die Unruhen stattfindende Dämonisierung aller Sunniten veranlaßte die Aleviten Zentral- und Südostanatoliens, einen Sicherheitsabstand gegen die "anderen", Sunniten, einzuhalten (vgl. Laciner 1984: 253)[6].

Massaker von Sivas (3.9.1978-4.9.1978)

Ein Tag vor dem sunnitischen Ramadanfest, während des öffentlichen Vorherrschens sunnitischer Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensweisen zur Zeit des dreißigtägigen rituellen Fastens, provozierte die von Teilen der Grauen Wölfe verbreitete Nachricht eines erfundenen Brandanschlags auf eine Moschee[7] einen von ihnen angeführtes Pogrom gegen die Aleviten in dem von Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft bewohnten Alibaba-Viertels nach der Zerstörung der städtischen Parteizentrale der CHP. Die dabei von den Angreifern ausgesprochenen Slogans waren: "Auch wenn unser Blut fließt, ist der Sieg des Islam! Nationalistische Türkei! Muslimische Türkei! Tod den Kommunisten! Sivas wird das Grab der Ungläubigen sein!" (Coskun 1995: 299) Es starben 9 Menschen, 97 Häuser und 350 Geschäfte wurden zerstört. Angehörige der Feuerwehr wurden durch Angriffe an den Löscharbeiten behindert. Bis zur Wiederherstellung der Ordnung durch die Armee dauerten die Unruhen zwei Tage lang (vgl. Coskun 1995: 297-299)[8]. Zuvor waren während der Regierungszeit der 'Nationalistischen Front' der Polizeichef von Sivas durch einen MHP-Angehörigen ersetzt und die in dem linken Polizistenverein Pol-DER organisierten Beamten mit subalternen Aufgaben vertraut oder durch ihre der MHP-nahestehenden Kollegen abgelöst worden (vgl. Coskun 1995: 292). Ein Teil der von MHP-Anhängern dominierten Polizei hetzte den von Angehörigen der Grauen Wölfe angeführten Mob bei den Übergriffen auf Aleviten weiter auf (vgl. Coskun 1995: 295). Die konfessionelle Sicherheit der Aleviten konnte erst durch die Intervention der Armee und später durch Migration in andere Gebiete hergestellt werden. In einigen Moscheen wurden nach den Unruhen antialevitische Predigten gehalten: "Während des Opferfestes werden wir das Blut der Kommunisten und Rotköpfe anstelle der Schafe fließen lassen." (Coskun 1995: 298)

Massaker von Kahramanmaras (Weihnachten 1978)

Ein von Angehörigen oder Sympathisanten der Grauen Wölfe selbst inszenierter Bombenanschlag auf ein von MHP'lern frequentiertes Kino wurde für einen Rachefeldzug gegen Linke und Aleviten zum Anlaß genommen, dem zunächst zwei Lehrer zum Opfer fielen. Der Trauerzug wurde von einem von Angehörigen der Nationalistischen Aktionspartei angeführten Mob mit dem Schlachtruf "Keine muslimische Beisetzung für Kommunisten! Kommunisten verbrennen unsere Moscheen!" (Hoffmann / Balkan 1985: 67, Fußnote 16) überfallen. Das Ergebnis waren drei Tote, 38 Verletzte und 100 zerstörte Geschäfte von Linken und Aleviten, geplünderte Bürogebäude der Gewerkschaft DISK und der CHP. Die von den Aleviten bewohnten und verbrannten Häuser waren zuvor mit einem angebrachten Stigmazeichen gebrandmarkt worden, was die Gebäude zum Zerstören freigegeben hatte. Das Zeichen entschied damit auch über Verschonung oder Tötung der Hausbewohner.

Am 22.12.1978 wurde die Wahrnehmungs- und Deutungsweise sunnitischer Muslime in der Moschee während der Freitagspredigt durch den von den Gläubigen als legitim betrachteten Hodscha der Baglarbasi-Moschee antialevitisch verzerrt:

"Man kann kein Hadschi mit Fasten oder Beten werden. Jemand, der einen Aleviten tötet, hat soviel Gutes getan, als sei er fünf Mal nach Mekka gepilgert. Alle unsere Glaubensbrüder müssen gegen die Regierung [von Ecevit; BG] und Kommunisten, Atheisten einen Aufstand machen. Wir werden Aleviten und sunnitische Gottlose der CHP säubern." (Tusalp 1999: 271, Fußnote 303)

Am 23.12.1978 wurde von örtlichen Angehörigen der MHP entworfene provokative Slogans von den städtischen Lautsprechern des Bürgermeisteramtes verbreitet (vgl. Zeugenaussage, zitiert von Mater 1989: 267).

"Dann begann ein drei Tage dauernder, ... geplanter und organisierter ... Massenmord ... Augenzeugen schilderten, wie ... ganze Familie[sic!] schiitischer [im Sinne von alevitischer; BG] Glaubensrichtung aus ihren vorher in Brand gesteckten Häusern gejagt, ihre Frauen nackt durch die Straßen getrieben und vor den Augen ihrer Angehörigen getötet wurden. Ganze Familien wurden erschossen, Frauen und Mädchen vergewaltigt und dann ermordet, Kinder aus linksverdächtigen Familien zu Tode gefoltert, Säuglinge mit Benzin übergossen und verbrannt, Fahrer von Ambulanzen erschossen. Die ... Fanatiker versuchten, in das städtische Krankenhaus einzudringen, um auch die Verletzten zu ermorden. Nach offiziellen Angaben starben ... 143 Menschen, über 1.200 wurden verletzt, 500 Häuser und Geschäfte zerstört." (Hoffmann / Balkan 1985: 67, Fußnote 16)[9]

Weil die Angreifer zum Zeitpunkt der Tat keine offiziellen Beziehungen zur MHP gepflegt hatten, konnte eine Verwicklung dieser Partei mit dem Massaker rechtlich nicht nachgewiesen werden, auch wenn einige Indizien dafür sprachen: Die Täter riefen laut juristischer Feststellung einige von der MHP benutzte Slogans und trugen MHP-Abzeichen. Gerade die Häuser und Geschäfte, die zuvor mit dem Schriftzug "MHP" gekennzeichnet worden waren, wurden nicht angegriffen (Urteil, zitiert von Mater 1989: 292).

Nach dem Massaker wurde das Kriegsrecht in einigen Provinzen eingeführt und somit die Regierungsgewalt von der linken CHP auf die durch den Besitz am OYAK-Konzern zum Interessenvertreter des Großbürgertums gewordenen Armee übertragen. Diese war nicht nur für die Wiederherstellung der Sicherheit der Bevölkerung, sondern auch durch Einschränkung vieler Grundrechte auch für den Schutz der herrschenden Ordnung vor linksextremen Bewegungen verantwortlich (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 69). Nach Maras wurde die Furcht vor weiteren Unruhen in andere Provinzen verbreitet, so daß sich nicht wenige Zivilisten eine Waffe zulegten, um sich selber zu schützen. In den sogenannten "Befreiten Zonen" boten der linke "Revolutionäre Weg" (DEV-YOL) oder die Grauen Wölfe[10] Angehörigen ihrer jeweiligen Kerngesellschaft (Sozialisten / Aleviten oder Rechte / sunnitische Türken) Schutz vor jeweiligen Übergriffen an (vgl. Pevsner 1984:75).

Daß ausgerechnet die oft von den Aleviten gewählte CHP sie vor der partiellen Vernichtung nicht schützen konnte, war ein Grund für ihre Wahlniederlage in 1979. Die AP setzte sich durch und bildete eine von der MHP und MSP gestützte Minderheitsregierung.

·        Minderheitsregierung der AP (12.11.1979-12.9.1980)

Trotz Regierungswechsels konnte Demirel wegen der parlamentarischen Obstruktion die Interessen des türkischen Großbürgertums zur Implementation der IWF-Forderungen zur weiteren Liberalisierung der Wirtschaft nicht durchsetzen (vgl. Roth / Taylan 1982: 17-18).

Nach der Ablösung der politischen von der CHP gestellten Regierungselite durch die AP wurde auch der administrative Bereich von Ecevits Parteiangehörigen gesäubert. Linke und vermutlich Aleviten wurden dadurch diskriminiert und dienten somit als Ressourcenlieferer für (national-)religiöse Rechte, sunnitisch-türkische Angehörige der Parteien der 'Nationalistischen Front'. Gleichzeitig waren sie ein Abschreckungsbeispiel für potentiell andere Oppositionelle und schreckten diese vor herrschaftsgefährdenden Verhaltensweisen ab. Es wurden 56 Provinzgouverneure und Polizeichefs in 44 Provinzen ausgetauscht. 300 Regierungs- und Polizeidirektoren aller staatlichen Betriebe wurden ersetzt, so daß alle Schlüsselstellen zur Sicherheit der von der Gerechtigkeitspartei favorisierten Ordnung besetzt worden waren (vgl. Hoffmann / Balkan 1987: 65). 5.000 MHP'ler und somit Anhänger der nationalreligiösen Türkisch-Islamischen Synthese wurden als Lehrer in staatliche Sozialisationsinstanzen aufgenommen (vgl. Roth / Taylan 1982: 68). Nach dem Amtsantritt der AP-Regierung wurde die Sanktionshärte für militante MHP-nahe Personen erheblich gesenkt und die staatliche Verfolgung der Grauen Wölfe, die zur Regierungszeit Ecevits der Fall war, eingestellt. Während der Regierungszeit der AP-Regierung konnten 3.056 gefangene Graue Wölfe ohne Behinderung aus Militärgefängnissen fliehen (vgl. Roth / Taylan 1982: 137). Nach der Auflösung der von Ecevit in Adana gebildeten Sondereinsatzgruppe wurde ihr Leiter, der Polizeichef von Adana, Cevat Yurdakul, erschossen (vgl. Roth / Taylan 1982: 135). Auch Aleviten wurden von Teilen der den Grauen Wölfen nahestehenden Polizei drangsaliert:

"Anfang Februar 1980 wandte sich eine Abordnung der alevitischen Bevölkerung von Kayseri an die Zentrale der CHP in Ankara und beschwerte sich über den Polizeiterror in der Stadt. >>Wir werden von der Polizei mit verbundenen Augen zu unbekannten Orten geschleppt und gefoltert. Die Polizei sagt zu uns immer: 'Seid ihr Aleviten? Warum gebt ihr eure Stimme der CHP? Ihr müßt MHP wählen. Wenn ihr die MHP wählt, werden wir euch freilassen!<<" (Roth / Taylan 1982: 20)

Es wurden auch weitere Pogrome gegen Aleviten in Corum durchgeführt (vgl. Eral 1995: 81-118).

Massaker von Corum (04.07.1980)

Auf die wieder gezielt verbreitete falsche Nachricht über einen Brandanschlags auf eine Moschee in der Nähe des Alevitenviertels kam es trotz Beschwichtigungsversuchen örtlicher Hodschas zu gewalttätigen Übergriffen auf Aleviten seitens einer von militanten Angehörigen der Grauen Wölfe angeführten, aufgebrachten Menschenmenge von radikalen Sunniten. Dabei starben 24 Menschen, 100 Häuser und Geschäfte von Aleviten wurden zerstört und geplündert. Es wurden auch Aleviten als Geisel genommen, vergewaltigt und erschossen. Die zerstörten Häuser waren zuvor durch eigens dafür angebrachte Stigmasymbole gekennzeichnet worden. Diese Embleme signalisierten die Zugehörigkeit zu den 'linken Aleviten' und ihre Abgrenzung von 'rechten Sunniten' und entschieden somit auch über Leben und Tod der Bewohner.

Auch die von Sympathisanten oder Angehörigen der MHP unterwanderten staatlichen Instanzen wirkten bei der Verfolgung der Aleviten mit: Überlebende Augenzeugen berichteten auch über von Polizeipanzern aus gestarteten Angriffe auf alevitische Zivilisten. Zuvor waren von der AP-Regierung linke Polizisten zwangsversetzt und von ihren der MHP angehörenden oder mit ihr sympathisierenden rechten bzw. nationalreligiösen Kollegen ersetzt worden. Diese sollen bei den Übergriffen auf Aleviten aktiv teilgenommen haben. Die zuvor von Aleviten vorausschauend vor ihren Vierteln zum Selbstschutz errichteten Barrikaden, waren auf Befehl des regierungstreuen Gouverneurs entfernt worden. Ein diensthabender und dafür zuständige, mögliche Konsequenzen gegen Aleviten befürchtende und deswegen den Befehl des Gouverneurs verweigernder Militäroffizier war zuvor auf Druck von MHP-Parlamentariern abgelöst worden (vgl. Eral 1995: 89). Die Entfernung der Barrikaden und die von der Polizei durchgeführte vorherige Entwaffnung und Festnahme von Aleviten geschah zwar möglicherweise zur staatlichen Wiederherstellung des Gewaltmonopols und Aufrechterhaltung des herrschenden Rechts, hatte aber die Pogrome auf die Aleviten erheblich erleichtert. Selbst Tage nach dem Massaker wurde eine sachdienliche Spurensuche, Zeugen- und Opferbefragung von der Polizei unterlassen, wie später vor Gericht festgestellt wurde (vgl. Eral 1995: 81-118).

Daß die zugeschriebene Herkunft oder Gesinnung der Opfer eine Rolle spielte, können Aussagen eines später verurteilten Angeklagten belegen, der sein Opfer vor dessen Tode folgendes sagte: "Du bist Alevite und ein Linker. Du wirst sterben." (Aussagen eines geständigen Angeklagten, zitiert von Eral 1995: 155) Diese Opfererfahrungen traumatisierten die Aleviten und wurden im Opferdiskurs zu hervorgehobenen historischen Beispielen zur ihrer Konstruktion als eine seit dem Streit zwischen Ali und den Weggefährten Mohammeds bis heute verrandete, Not, Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung erleidende religiöse Minderheit mit einem Sinn für Gerechtigkeit. Dieses Trauma-Motiv mit den Beispielen der Massaker aus den Siebzigern wurde in alevitischen Songs wie 'Kerbela Destani' (Das Epos von Kerbela) gepflegt und so im kollektiven Erinnerungsbestand der Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft konserviert[11].

Die von der auch von Stimmen der MSP abhängige AP-Regierung hatte bisher sunnitisch-islamistische Bewegungen gefordert. Die niedrige Sanktionshärte gegen Islamisten und die wegen den bürgerkriegsähnlichen Zuständen entstandene Ablenkung der Regierung hatte die MSP vermutlich auch dazu gebracht, die bisher herrschende, aber labile nationalkonservative Ordnung zugunsten der Scharia als neues sunnitisch-islamistischen Werte- und Normensystem umzustürzen. Es wurden seit 1978 vermutlich auch deshalb von der MSP in Ausbildungslagern paramilitärische Einheiten zur Einführung der Scharia trainiert und entsprechende militante Organisationen gegründet (vgl. Tusalp 1999: 83). Darüber hinaus organisierte die MSP in der Islamistenhochburg Konya einen Demonstrationszug unter dem Motto "Befreiungstag für Jerusalem" (vgl. General Secretariat of the National Security Council 1982: 215) zum Umsturz der bisherigen Herrschaftsordnung:

"Am 7.September fand in Konya ... eine Demonstration statt ... Die Nationale Heilspartei (MSP), von der die Demonstration organisiert wurde, brachte Menschen auf die Straße, die offen die kemalistische laizistischen Prinzipen angriffen ... Viele kamen in der ... islamischen traditionellen Tracht, schwenkten grüne islamische Fahnen [als 'emblematische Ausdrucksmittel'; BG] ... und riefen Parolen, mit der die Rückkehr zur Scharia gefordert wurde." (van Bruinessen 1984b: 13)

Die islamistische Demonstration war ein Anlaß für den dritten Staatsstreich der Militärs am 12.September 1980, die als letzte funktionsfähige Ordnungsmacht die innere Sicherheit bzw. die Herrschaftsordnung der türkischen Wirtschaftselite sichern sollten.

www.alewiten.com, 17.12.2002


 

[1] Die THKO wurde von Deniz Gezmis angeführt. Seine Hinrichtung wurde in alevitische Liedern thematisiert und dadurch im kollektiven Erinnerungsbestand der Aleviten als ein vom Staat verfolgtes Kollektiv mit Widerstandstradition konserviert. Es wird später darauf Bezug genommen.

[2] So zum Beispiel wurden einige von ihnen in dem vom alevitischen Sänger Musa Eroglu vorgetragenen Song "Epos von Kerbela" (Kerbela Destani) angedeutet, bei dem eine historische Kontinuität der Aleviten als sich eine aus Tradition gegen das Unrecht einsetzende und von den Herrschenden unterdrückte Gruppe seit dem Gründungsmythos Kerbela bis heute postuliert wurde. Darauf wird später eingegangen.

[3] Die MSP nahm die Interessen der vom städtischen Großbürgertum bedrohten Kleinkaufleute, Handwerker und Kleinunternehmer der sunnitisch-islamisch geprägten Provinzen Anatoliens wahr. Diese hatten sich mit der AP Demirels, die nur das städtische Großbürgertum begünstigte, überworfen, da kleinere Unternehmungen von den von der AP bevorzugten Konzerten aufgelöst und liquidiert worden waren (vgl. Werle / Kreile 1987: 86 f.). Der Parteivorsitzende und Mitglied der Nakschibendi-Ordens, Necmettin Erbakan, bis 1968 Vorsitzender der türkischen Industrie- und Handelskammer, hatte Demirel vorgeworfen, nur die Interessen der großstädtischen Oberschicht auf Kosten anatolischer Kleingewerbetreibender zu verteidigen. Die MSP ist damit Vertreterin der anatolischen Klein- und Mittelindustrie im Kampf zwischen sozialökonomischen Gruppen zwischen verschiedenen Regionen der Türkei um knappe Ressourcen (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 60; Saribay 1984: 259; Werle / Kreile 1987: 87). Die Vorgängerin der MSP, die Nationale Ordnungspartei (Milli Nizam Partisi, MNP) hatte sich von der AP Ende 1969 abgespalten und wurde vom türkischen Verfassungsgericht wegen Islamismus verboten. Der Ordensführer der Nakschibendi soll persönlich Erbakan die Gründung der MNP und MSP vorgeschlagen haben (vgl. Seufert 1997a: 47). Die Bezeichnung "Selamet" (Heil) impliziert für den potentiellen Wähler die Ausrichtung des Parteiprogramms nach der Scharia. Obwohl das Parteiprogramm wegen der Gesetzeslage vorsichtig formuliert wurde, kann die beabsichtigte Herbeiführung der Scharia herausgelesen werden: In seinem Werk "Milli Görüs" (Nationaler Standpunkt) bezeichnet Erbakan den Säkularismus als "Gewaltherrschaft der Nichtglaubenden über die Glaubenden." (Erbakan 1975: 51; zitiert von Oehring 1984: 150) Feudale Landlords unterstützten im Südosten auch die MSP zur Sicherung ihrer Herrschaft vor linken Parteien oder Bewegungen und bestimmten das Stimmverhalten ihrer 'Untertanen': "Wer nicht MSP wählt, wird vom Aga aus dem Dorf herausgeworfen, verliert Arbeit, Lohn und Brot." (Roth / Taylan 1982: 159) Die Kerngesellschaft aus der Sicht der MSP sollte aus Sunniten ohne Beachtung der Blutsabstammung bestehen, so daß sunnitische Kurden in der supranationalen und –ethnischen Glaubensgemeinschaft der Muslime (ümmet) integriert waren. Dafür wurden kurdische und turkstämmige Aleviten von der anvisierten islamischen Kerngesellschaft der MSP ausgeschlossen: "In der Reaktion auf ihre ökonomische Benachteiligung und auf den 'Sittenverfall' des Zentrums trafen sich sunnitische Türken und sunnitische Kurden. Die Abgrenzung gegen die in ihren Augen ungläubigen und kommunistischen Alewiten spielte für die Anhänger der MSP eine wichtige Rolle." (Seufert 1997a: 85) Nach der Schließung der MSP nach dem Putsch von 1980 wurde die Wohlfahrtspartei (Refah Partisi; RP) gegründet, die wiederum 1999 wegen Islamismus verboten wurde. Die Tugendpartei (Fazilet Partisi, FP), die inzwischen auch als "Hort anti-säkularistischer Aktivitäten" (Neue Zürcher Zeitung Nr.143 / 23. / 24.06.2001, S. 1) verboten worden ist, ist die Nachfolgerin der MSP (vgl. zum Verbotsantrag der RP und FP das Plädoyer des Generalstaatsanwalts des Republikanischen Kassationsgerichtshofes, Vural Savas 2000).

[4] Durch die alevitische Binnenmigration vom Lande in die Städte und somit zur Teilnahme an den bisher von Sunniten dominierten Märkten kam es zur Konkurrenz um begrenzte Ressourcen zwischen den in ihrem ökonomischen Status bedrohten Angehörigen der Mehrheitskonfession und den Zuwanderern. Das Ökonomische wurde konfessionalisiert, konfessionelle Unterschiede zu ökonomischen Diskriminierungsmerkmalen (vgl. Yavuz 2000: 80; Sener 1995: 155). Die Konfessionalisierung wurde schließlich politisiert und verstärkte wechselseitig die jeweiligen stereotypen Fremdbilder zwischen "Islamisten" und "Kommunisten".

[5] Ab 1978 änderte die MSP auch ihre Politik . Es wurden 32 paramilitärische Ausbildungslager der religiösen 'Stürmer' (akincilar) eröffnet und militante Organisationen gegründet (vgl. Tusalp 1999: 83).

[6] Die von Linksextremen alevitischer Herkunft kontrollierten "Befreiten Zonen" gefährdeten die Sicherheit nationalreligiöser türkischer Sunniten. In Ümraniye wurden beispielsweise fünf Personen von einem 'Volkstribunal' verurteilt und zu Tode gefoltert: "The bodies of the victims, murdered by the enemies of the regime and of the people, were so mutilated as to be almost unidentifiable. Their heads were crushed, eyes goudged out, genitals cut away." (General Secretariat of the National Security Council 1982: 43).

[7] Die MHP'ler hatten schon am 19.8.78 erfolglos versucht, ähnliche erfundene Nachrichten von Brandanschlägen zwecks Volksverhetzung zu verbreiten, aber der örtliche Imam konnte diese rechtzeitig verneinen. Am 24.8.78, ein Paar Tage vor dem Massaker, hatten einige Angehörige der Grauen Wölfe durch Beschuß von 300 alevitischen Schülern, Zusammenstöße zu provozieren versucht (vgl. Coskun 1995: 291)

[8] Es wurden 350 Personen angeklagt und 20 verurteilt. Einige Angeklagte, deren Nachkommen und Verwandte saßen 15 Jahre später nach dem erneuten Massaker in Sivas am 2.7.1993 wieder auf der Anklagebank (vgl. Coskun 1995: 300).

[9] Es standen 807 Angeklagte vor dem dritten Militärgericht in Adana und mußten sich für das Massaker verantworten. Der Prozeß endete mit der Verhängung von 22 Todesurteilen, 14 lebenslänglichen Haftstrafen, 411 Freisprüchen und 304 mit Haftstrafen zwischen sechs und 24 Jahren (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 67, Fußnote 16).

[10] Die heute nach dem Tode von Türkes vom gemäßigt geltenden Devlet Bahceli angeführte Nationalistische Aktionspartei, die gegenwärtig als zweitstärkste Parlamentsfraktion zusammen mit der Mutterlandspartei (Anavatan Partisi, ANAP) Mitglied der vom ehemaligen politischen Erzfeind Bülent Ecevit (Demokratische Linkspartei, Demokratik Sol Parti, DSP) geleiteten Regierungskoalition ist, befindet sich in einem Erneuerungsprozeß (vgl. Steinbach 2000: 63). Bahceli warb auch um die Aussöhnung mit den Aleviten: "Wir sollten unsere alevitischen Mitbürger umarmen." (Bahceli 1999)

[11] Darauf wird später eingegangen.