1.2 Über alevitische Lage zwischen 1960 und dem zweiten Staatsstreich der Armee vom 12.03.1971

a)     Vorgeschichte: die Neuordnung der Rahmenbedingungen der Herrschaft der Regierungselite und die Politisierung der Religion durch Menderes Nachfolger Demirel

Das kurzzeitig regierende 'Komitee der Nationalen Einheit' strebte eine möglichst rasche Übertragung der Macht an zivile Politiker und an die aus demokratischen Wahlen hervorgegangene Parteien nach einer Neuordnung der institutionellen Rahmenbedingungen an.

Um künftig konfligierende Interessen politisch auf parlamentarischer Ebene auszugleichen bzw. diese zu integrieren, um ein freies Spiel politischer Kräfte in einem alternierenden Mehrparteien- und Aushandlungssystem zu erleichtern, um eine parlamentarische Tyrannei der Mehrheit zu verhindern und somit das Herrschaftssystem auch für alle Akteure sozial zu legitimieren, wurde die eigentlich auf Atatürk zugeschnittene und von der DP mißbrauchte bisherige Verfassung neu geregelt. Sie beinhaltete neben freiheitlich-demokratischen Bestimmungen und sozialstaatlichen Reformen auch ein ausgeklügeltes System von Checks- and Balances (vgl. Weiher 1978: 133; Kongar 1998: 161; Hirsch 1966):

-         Einführung der Gewaltenteilung

-         Schaffung einer bipolaren Exekutive mit der Stärkung der Stellung des Ministerpräsidenten

-         Einführung eines unabhängigen Verfassungsgerichts

-         Verfassungsrechtliche Verankerung der Grundrechte

-         Einführung des Verhältniswahlrechts zur Berücksichtigung möglichst vieler Interessen

-         Arbeiter wurden u.a. das Recht auf Arbeit, Arbeitsurlaub, Mindestlöhne, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit sowie das Streikrecht zugestanden (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 58). Ein Ziel der Militärs war die Ausbalancierung kurzfristiger Interessen der Wirtschaftselite (vgl. Weiher 1978: 142).

-         Das Militär behielt sich das Recht vor, auch auf die Innenpolitik des Landes Einfluß durch eine von ihnen dominierte Instanz zu nehmen. Der bereits bestehende Nationale Sicherheitsrat (Milli Güvenlik Kurulu, MGK) wurde eine Verfassungsinstitution (vgl. Hirsch 1966).

Diese Verfassung, die die Niederschrift der Herrschaftsordnung darstellt, begünstigte später auch die Verstärkung der nicht selten von Aleviten getragenen linken Bewegungen (bis 1980), die sich leichter organisieren konnten.

Es kam bei den 1961 stattfindenden Wahlen keine regierungsfähige Mehrheit zustande. Neben Splitterparteien erhielten die sich später nach links öffnende CHP 173 und die von Süleyman Demirel angeführte Nachfolgerin der DP, die Gerechtigkeitspartei (Adalet Partisi, AP), 158 Sitze. Bis 1965 führte die CHP eine instabile Regierungskoalition und wurde von der AP durch ein Mißtrauensvotum gestürzt (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 58).

Die von Demirel angeführte AP kam 1965 an die Macht. Wie die DP vertrat die Gerechtigkeitspartei die sozialökonomischen Interessen des Großbürgertums, wollte sich aber zur Sicherung ihrer Massenbasis und demokratischen Legitimation als Verfechterin des orthodox-sunnitischen Islam darstellen (Ahmad 1977: 380). Religiöse Angehörige des sunnitischen Islam wurden im Gegensatz zum Kemalismus entdiskriminiert, während Linke direkt und indirekt wohl auch Aleviten sowie Säkularisten durch die einseitige Begünstigung der religiösen Orthodoxie benachteiligt wurden:

"The RPP's adaptation of the left-of-the-center slogan left it open to the accusation of communism and the jingle 'Ortanin Solu Moskova Yolu' (Left of the centre is the road to Moscow). At the same time the JP [i.e. the Justice Party; BG] adopted 'Ortanin Sagindayiz, Allah'in Yollundayiz' (We are right of the centre and on the path to God)." (Ahmad 1977: 377)

Es wurde auch propagiert, daß Demirels Vater die rituell sunnitische Wallfahrt nach Mekka, die zu den Fünf Säulen des Islams gehört, gemacht habe und täglich in seiner Familie der Koran rezitiert werde (vgl. Werle / Kreile 1985: 79). Die öffentlichkeitswirksame, wöchentliche Fahrt Demirels zum Freitagsgebet mit dem Dienstwagen diente zur seiner Inszenierung als Moslem (vgl. Arcayürek 1999: 90). "Jeder muslimische Türke kann voller stolz behaupten, daß er Muslim ist." (Demirel, zitiert von Coskun 1995: 274) Demirel forderte den Bau von weiteren Moscheen und fortan die Benutzung von Lautsprechern für den Gebetsruf des Muezzins (vgl. Shaw / Shaw 1977: 426). Während der auch aus dem islamischen Bekenntnisritual bestehende Gebetsruf bisher akustisch auf das direkte Umfeld der Moschee begrenzt blieb, drang er durch die vergrößerte Reichweite nahezu in alle Lebens- und Wohnbereiche der gesamten Bevölkerung vor und veralltäglichte akustisch die Omnipräsenz und Gegenwart des sunnitischen Islam in der Öffentlichkeit und im Privaten.

b)    Wechselspiel zwischen reaktiver Verhaltensweise von Teilen der alevitischen und Vorurteilen der sunnitischen Bevölkerung Anfang der 60er Jahre

Die Verdrängung der die sunnitische Revision einleitenden DP von der Herrschaft und die Verabschiedung der liberaleren Verfassung sowie die Einführung von Grundrechten wurde von Aleviten zur Verbesserung ihrer minoritären Lage begrüßt (vgl. Sener 1995: 154).

Religiöse Sunniten betrachteten den Staatsstreich als ein Statusverlust (vgl. Coskun 1995: 275), da die sie wieder zur Kerngesellschaft hervorhebende DP verboten und Menderes hingerichtet worden waren.

Vorurteile den Aleviten gegenüber waren noch vorhanden. Der Vorschlag von Premier Inönü zur Bildung einer Repräsentationsinstanz für alle islamische Konfessionen im Präsidium für Religionsangelegenheiten provozierte den Protest und die heftige Kritik der religiös-sunnitischen Printmedien Zafer und Adalet:

"Durch den Gesetzesentwurf werden Aleviten ihr Ritual des Kerzenauslöschens in die Moscheen bringen." (Sener / Ilknur 1995: 81) Der Präsident des Amtes für Religiöse Angelegenheiten sagte auf einer Pressekonferenz: "Das, was als Alevitentum genannt wird, ist eher eine politische als eine religiöse Sichtweise ... In unserem Verband gibt es niemanden, der das Alevitentum anerkennen möchte." (Sener / Ilknur 1995: 82)

Ein Lehrer in einer staatlichen Schule in Ankara:

"Die Rotköpfe sind keine Muslime. Sie sind wie Hunde. Sie sind aus Schlamm erschaffen. Unwissende betrachten Rotköpfe als Muslime. Die muslimischen Konfessionen sind das [ausschließlich sunnitische; BG] Hanefiten-, Schafiiten-, Malikiten- und Hanbelitentum. Die nichtmuslimischen Konfessionen sind das Bektaschiten-, Schiiten- und Alevitentum sowie Rotköpfe." (Sener / Ilknur 1995: 83)

Diese veröffentlichten Ressentiments führten zu Protesten von Studierenden alevitischer Herkunft bzw. von Angehörigen der alevitischen Bildungselite (vgl. Sener / Ilknur 1995: 83).

Viele Aleviten zogen es bei ungünstigen Situationen, in der sie über wenige Macht verfügten, auch vor, ihre Herkunft zu verbergen (takiyye) bzw. Goffmansches Verstellen zu praktizieren:

"'Ich war zehn Jahre alt, als wir von einem Dorf aus Sivas nach Diyarbakir zogen', berichtet der fünfundvierzigjährige Hüseyin: 'Mein Bruder wohnte seit langer Zeit in dieser Stadt, wo vorwiegend schafiitische [also sunnitische; BG] Kurden lebten. Er warnte mich davor, niemanden davon zu erzählen, daß wir Aleviten sind. Damit wir kein Verdacht erweckten, erlaubten sie es unserem Hausvermieter, mich täglich zur Moschee zu bringen. Wir hatten Angst, daß er uns aus der Wohnung hinauswirft, wenn er herausfinden würde, wer wir sind. So habe ich den Islam kennengelernt. In der Zeit habe ich fast vergessen, daß ich Alevit bin. Zuhause redeten wir nicht darüber. Ich glaube, mein Bruder und seine Gattin wollten nicht, daß ich mir Sorgen darüber mache.'(Transkript 29.11.1992)" (Kehl-Bodrogi 1996: 54).

"'Ich bin in einem Ankaraner Viertel aufgewachsen, wo vorwiegend Sunniten lebten. Meine Eltern haben mir, bis ich 14 wurde, verschwiegen, daß wir Aleviten sind, da sie Angst davor hatten, daß ich uns in der Schule oder bei den Nachbarn unbeabsichtigt verraten würde. Schließlich war ich schockiert, als sie mir die Wahrheit sagten, denn bis zu dem Zeitpunkt hatte ich über Aleviten nur Schlechtes gehört', sagt der 36jährige Cemal. (Transkript 5.2.1993)" (Kehl-Bodrogi 1996: 54-55)

Neben Coming Out ist die Migration eine weiter Folge antialevitischer Verhaltensweisen, wie Kehl-Bodrogi beschreibt:

"Murtaza, z.B., ein aus der Nähe Divrigis stammender Geschäftsmann, gab an daß er seine Arbeit als Schneider in der Werkstatt eines Sunniten in Ankara nach dreijähriger Beschäftigung verlor, nachdem er sich als Alevit zu erkennen gegeben hatte. Er ließ sich zur Preisgabe seiner Identität hinreißen, als sein Arbeitgeber in einem Gespräch mit Kunden anzügliche Bemerkungen über die Unmoral der Aleviten machte. Seine fristlose Entlassung war für ihn der unmittelbare Grund, sich als Arbeiter in Deutschland zu bewerben." (Kehl-Bodrogi 1992: 9; kursiv im Original)

Politisierung wegen der kritischen Distanz zum System und Engagement als innovative Funktion zwecks Verbesserung eigener Lage waren weitere Möglichkeiten der reaktiven Verhaltensweise der Aleviten. Während der Zunahme politischer Aktivitäten aller ideologischen Couleurs kam die durchsäkularisierte, städtische und studierende alevitische Bildungselite mit sozialistischen Ideologien in Berührung,

"denen sie sich fast ausnahmslos verschrieb. Hielt die ältere Generation weiterhin zu der Republikanischen Volkspartei Atatürks ... engagierte sich die Jugend aktiv in Parteien und Gruppen des linksextremen Spektrums. Sah die Elterngeneration noch im Kemalismus die Chance für die Überwindung ihrer Diskriminierung, so fanden die Jüngeren in der egalitären Ideologie des Kommunismus ihre Heilsbotschaft." (Kehl-Bodrogi 1992: 10).

Sie wehrten sich auch damit gegen den wachsenden Einfluß religiöser Kreise und wählten linke Parteien zwecks Schutz ihrer konfessionellen Minderheitenlage.

Die sozialistische Arbeiterpartei der Türkei (Türkiye Isci Partisi, TIP) wurde auf dem Lande neben kurdischstämmigen Wählen hauptsächlich von Aleviten unterstützt (vgl. Samim 1987: 156). Alevitischstämmige Sozialisten und linke Künstler begannen, alevitische Geschichte neu zu schreiben und so alevitische Identität neu zu konstruieren. Dabei verknüpften sie ihre eigenen Ordnungsvorstellungen und Forderungen mit der alevitischen 'Volkstradition', daß ein von alevitischen Lehren abgeleitete und von der Vergangenheit bis in die Gegenwart konsistent linke, alevitische Identität konstruiert wurde: Der Zusammenhang zwischen alevitischer Ethik und dem Geist des Sozialismus wurde hervorgehoben. So wurde zum Beispiel die alevitische Redewendung 'Enel Hak' (Ich bin die göttliche Wahrheit / Gott), die die Vermenschlichung Gottes sowie die Vergötterung des Menschen ausdrückt, in einem Wortspiel zu 'emek-hak' (Arbeit-Recht) sozialistisch umgeformt und in neuen alevitischen Volksliedern tradiert und massenhaft verbreitet (vgl. Coskun 1995: 274).

Es kann davon ausgegangen werden, daß unter Sozialisten Aleviten und unter Religiösen und Rechten Sunniten überrepräsentiert waren. Aber nicht jeder Alevite war ein Linker und nicht jeder Sunnite Anhänger der rechten Bewegungen. Mit der Politisierung des Islam wurde auch eine Konfessionalisierung der Politik in die Wege geleitet:

"Der Prozeß der politischen Plazierung qua religiöser Herkunft erwies sich als so bestimmend, daß die türkische Linke ihre Ausdrucks- und Aktionsform in der Kultur der Aleviten wiedergefunden hat. Die Linke hat sich gewissermaßen in alevitischen Vorlagen wiedererkannt, in Vorlagen, wie die von der solidarischen Gemeinschaft gleicher Menschen (canlar), welche von einem einheitlichen Ideal durchdrungen sind, die das Individuelle zugunsten des gemeinsamen Zieles zurückstellen und zwischen denen eine Brüderlichkeit (kardeslik) herrscht, welche die Beteiligung der Frauen als Schwestern (bacilar) am politischen Kampf ... sichert. Diese Gemeinschaft weiß sich als Ganze mit dem Volke eins und begegnet ihm mit Achtung (saygi) und Liebe (sevgi)." (Seufert 1997b: 210-211)

Die Politisierung der Religion hatte die Wiederkehr religiöser Unterschiede und Gegensätze (Fünf Säulen, Alkoholverbot; Schleier) in die Öffentlichkeit zur Folge, die in politische cleavages umformuliert wurden:

"Die Umformung des religiösen Gegensatzes zwischen den Sunniten und den Alewiten in einen politischen führte (für das jeweilige Gegenüber) zur Gleichsetzung des Sunniten mit türkischen Nationalismus, Islamismus und allgemein rechter Orientierung auf der einen Seite und des Alewiten mit Laizismus und allgemein linker, revolutionärer politischer Orientierung auf der anderen." (Seufert 1997a: 75)

Dies beeinflußte auch die Wahrnehmungsweise, Deutungsmuster und Vorurteile sowie Verhaltensweisen den Aleviten gegenüber: "So wurde den Vorurteilen den Aleviten gegenüber ein neues hinzugefügt: sie seien alle Kommunisten oder zumindest 'links'." (Väth 1993: 214). Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe konnte ein Mitglied zur Außenwelt dadurch anzeigen, daß er gruppenkonforme Handlungen, Einstellungen, Sitten oder Kleidung zu einer Inszenierung zusammenstellte. Dies gilt auch für den Namen. So hat sich zum Beispiel der Vorsitzende der verbotenen Kommunistischen Partei der Türkei (Türkiye Komünist Partisi, TKP) Nabi Yagci den gruppenkonformen Namen Haydar Kutlu zugelegt. Nabi ist als 'Botschafter Gottes' ein bei Sunniten geläufiger Name, wohingegen Haydar (Löwe bzw. Ali) bei Aleviten häufiger anzutreffen ist (vgl. Seufert 1997b: 211, Fußnote 458)[1].

Darüber hinaus wurde 1966 eine konfessionell orientierte, allerdings mäßig erfolgreiche Einheitspartei der Türkei (Türkiye Birlik Partisi, TBP) mit einem Löwen (als Symbol für Ali) als Parteiflagge (vgl. Yavuz 2000: 80) bzw. emblematisches Ausdrucksmittel zur Signalisierung zur Gemeinschaft der Aleviten und zur Abgrenzung vom sunnitischen Islam gegründet. Ursache war die wahrgenommene Passivität der CHP gegen die wachsende Anzahl von der AP eröffneten Korankursen und Imam-Hatip-Schulen. Die TBP brachte nur 8 Mitglieder ins Parlament (vgl. Sener / Ilknur 1995: 78). Es wurden alevitische Vereine wie der Haci-Bektas-Kulturverein (Haci Bektas Veli Kültür Dernegi), die Zeitschriften Cem und Ehlibeyt (als Medieninstanzen) zur alevitischen Ausbalancierung des sich verstärkenden Islamismus gegründet. Die liberale Verfassung von 1961 hatte dabei ihre Bildung erheblich erleichtert (vgl. Sener / Ilknur 1995: 50).

c)     Antikommunistische und sunnitisch-islamistische Maßnahmen der AP-Regierung zur Sicherung ihrer Herrschaft

In den sechziger Jahren entstanden mit der weiteren Entwicklung des türkischen Kapitalismus mit ausländischen Kapital auch eine Arbeiterbewegung sowie eine radikale Linke (van Bruinessen 1984b: 37). Der Einzug der sozialistischen TIP mit 15 Parlamentariern in die Nationalversammlung (vgl. Kongar 1998: 166), die teilweise erfolgreiche Verhinderung des Einlaufens der 6. US-Flotte in türkische Häfen, die durch die von den feudalen Landlords verrandeten Kleinbauern durchgeführten Landbesetzungen (vgl. Hoffmann / Balkan 1985: 59) müßten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges Indizien für die linke Gefährdung der Herrschaft des Großbürgertums und der Großgrundbesitzer gewesen sein.

Als Reaktion darauf wurde die weitere sunnitische Reislamisierung der Öffentlichkeit und der Politik durch die politische Regierungselite eingeleitet. Es wurden 'Vereine zur Bekämpfung des Kommunismus' gegründet[2]. Sie intensivierten ihre Handlungen nach der Regierungsübernahme der AP (vgl. Cetinkaya 1996: 11). Zwischen 1963 und 1968 wurde ihre Zahl verfünfzehnfacht (vgl. Kongar 1998: 167). Sie organisierten auch Überfälle auf Veranstaltungen der TIP in Bursa, Gaziantep, Akhisar, Manisa, Turgutlu und Ödemis durch (vgl. Cetinkaya 1996: 11). Darüber hinaus hielten sie mit der religiösen Zeitung Bugün des sunnitischen und der AP nahestehenden Süleymanciordens[3] öffentlich massenhaft wirksame sunnitische Reihengebetsrituale "gegen den atheistischen Kommunismus" ab (vgl. Cetinkaya 1996: 31; Kongar 1998: 167). Das von allen Betenden in seinen Abläufen gleichzeitig, wiederholt, öffentlich und einheitlich ausgeführte "Gebet gegen den Kommunismus" veranschaulichte durch die 'äußere' Zurschaustellung vermutlich die 'inneren' Überzeugungen der muslimischen Demonstranten, die sich als rituell als Moslems inszenierten und konstruierten. Die nichtdazugehörigen anderen, wozu auch Aleviten und Sozialisten durchaus zählten, fielen gerade durch ihre Abwesenheit beim Reihengebet als Außenseiter auf. Diese Riten erzeugten wegen der bereits im Motto stattfindenden Dämonisierung der Linken zeremoniell eine sunnitische, antikommunistische Kollektividentität. Die Remobilisierung sunnitisch-islamischer Riten zur Bekämpfung des Kommunismus trug auch antikemalistische Züge, weil dabei Textpassagen des dezidiert antikemalistischen Nurcu-Führers Said-i Kürdi (Said-i Nursi) öffentlich rezitiert und die kemalistische Zeitung Cumhuriyet als prosowjetisch gebrandmarkt wurden (vgl. Cetinkaya 1996: 62):

"So fiel im Verständnis bestimmter sunnitischer Kreise die Reaktion gegen die kemalistische 'Verwestlichungspolitik' mit der Reaktion gegen den Kommunismus zusammen ... Daß Kemalismus und Kommunismus völlig unterschiedliche politische und soziale Perspektiven verfolgen, daß Kommunismus und Westorientiertheit nicht identisch, daß beide Richtungen in der Türkei durch unterschiedliche Kräfte vertreten sind ... wurde in der Gedankenwelt jener Gruppen in sein Gegenteil verkehrt." (Laciner 1984: 240).

Der sunnitische Islamismus konnte nun aus drei Gründen Aleviten als Feind definieren: Die Aleviten wichen zum einen als häretische Glaubensgemeinschaft, zum anderen als säkularistische Kemalisten oder auch als atheistische Linke von orthodox-sunnitischen Werten und Normen ab. Auf vielen von den sunnitischen Religiösen und Konservativen abgehaltenen Versammlungen wurde der nicht selten von Aleviten unterstützte Kemalismus mit dem Kommunismus gleichgesetzt und verteufelt:

"Die Zahl der Jugend, die sich nach den Geboten unserer Religion ausrichtet, nimmt zusehends an. Die [von den Kemalisten; BG] betrogene Jugend ist wieder erwacht. Die Freunde Scheich Saids werden ihren Kampf fortsetzen. Die Anarchisten [bzw. Kommunisten; BG], die ihre Heimat in Chaos und Unordnung stürzen wollen, werden eine Lektion bekommen." (Cetinkaya 1996: 63)

"Sie [, d.h. die Kemalisten,; BG] betrogen uns und sagten, es sei Mode. Wir verloren unsere Unschuld. Sie haben das Verbotene als erlaubt dargestellt, wir verloren den Islam. Und jetzt ist nur unser Glaube geblieben, paßt auf ..." (Cetinkaya 1996: 63)

Die AP-Regierung ließ den Bau weiterer Imam-Hatip-Schulen als religiöse Lehranstalten und alternative Sozialisationsinstanzen für bisherige öffentliche Schulen zur Vermittlung orthodox-sunnitischer Werte, Normen, Weltwahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmuster vorantreiben. Präsident Cevdet Sunay bezeichnete säkulare Schulen als Horte der Anarchie und befürwortete die Rekrutierung der künftigen politischen und administrativen Elite der Türkei aus Absolventen der Imam-Hatip-Schulen, die eine zeitgenössische Form der medrese darstellen: "Die Zukunft des Landes wird der in den Imam-Hatip-Schulen ausgebildeten Kader übergeben." (Tusalp 1999: 28; Erdost 1999: 234; Costuroglu 1977: 21-22) Es wurde zwischen den Jahren 1965 / 1966 und 1969 / 1970 die Besucherzahl solcher Schulen verdreifacht (vgl. Samim 1987: 174, Fußnote 20).

Die AP organisierte auch militante Elemente der religiös-sunnitischen Bewegung als Straßenmacht zur Sicherung ihrer Herrschaft vor der (oft von Aleviten gestützten) Linken (vgl. Laciner 1984: 244). Deren Bekämpfung sollte die bisherige Herrschaftsordnung stabilisieren helfen. Das begünstigte auch antialevitische Ausschreitungen: Unstimmigkeiten zwischen Angehörigen des von der Regierung geförderten Nurcu-Ordens und Aleviten in Ortaca über Bodenbesitzverhältnisse eskalierten gewaltsam, als fünf sunnitische Männer eine alevitische Frau vor den Augen ihres Ehemannes vergewaltigten und 500 aus 16 umliegenden Dörfern bewaffnete sunnitische Männer ein von Aleviten besuchtes Kino überfielen (vgl. Engin 1998b: 543, Fußnote 16).

"1967 nahmen aufgehetzte sunnitische Gruppen eine von Aleviten veranstaltete kulturelle Versammlung in Karaman-Maras [sic] zum Anlaß von gewaltsamen Ausschreitungen gegen Aleviten. Die Sunniten wurden aber von jenen, die hinter diesen Gewalttaten standen, weniger mit antialevitischen als mit antikommunistischen Parolen aufgewiegelt." (Laciner 1984: 243)

Aber Aleviten an sich müssen wohl auch als Aggressionsobjekte fungiert haben. Denn dabei wurde die Parteiflagge der alevitischen Einheitspartei zerrissen, und es kam zu pogromartigen Überfällen gegen alevitische Häuser und Einrichtungen (vgl. Cetinkaya 1996: 30).

Ein von linken Gruppen, Verbänden von Studierenden und Gewerkschaften gegen das Einlaufen der 6. US-Flotte organisierter Demonstrationszug namens "Mustafa-Kemal-Marsch-gegen-den-Imperialismus" in Istanbul wurde von aufgehetzten Teilnehmern der öffentlich inszenierten sunnitischen Gegenprotest-Gebets angegriffen. Dabei starben zwei Personen. Die Zeitung des der AP nahestehenden Süleymanci-Ordens Bugün hatte zuvor zu kollektiven "Protestgebeten gegen den Kommunismus" aufgerufen und Gewalt als islamisch geboten dargestellt:

"Wir leben in einer Zeit, in der ein großer Sturm losbrechen wird, in der der totale Krieg wahrscheinlich geworden ist und in der man sich bewaffnen sollte. Der Heilige Krieg ist in Allahs Weg geboten, und die Waffen werden sprechen." (Cetinkaya 1996: 74-76; vgl. Eral 1995: 65)

Das Ereignis ging als "Blutiger Sonntag" in die türkische Geschichte ein.

Darüber hinaus wurden antikommunistische rechtsradikale Todesschwadronen, die der Grauen Wölfen der Nationalistischen Aktionspartei (Milliyetci Hareket Partisi, MHP) angehörten[4], in paramilitärischen Ausbildungslagern ausgebildet. Dies geht aus einem Bericht eines Untersuchungsausschusses hervor (vgl. Kaynak Yayinevi 1997; Weiher 1978: 149-150; Pekmezci / Büyükyildiz 1999: 39). Das alltägliche Leben in den Ausbildungslagern war durch die rituellen sunnitischen Gebets-, Bekenntnis- und Speisevorschriften, sportlichen und militärischen Trainingsprogramme sowie durch die ideologische Unterweisung vorstrukturiert (vgl. Kaynak Yayinevi 1997: 20):

03.30: Wecken und Waschen

...

03.45: Eidesbekenntnis

03.50: Morgengebet

04.15: Rennen ...

05.30: Frühstück

06.30: Ausruhen

07.15: Judo, Karate, Ringen

08.45: Marschieren

...

10.30: Tagespolitische Diskussionen

11.30: Mittagsgebet

12.15: Mittagessen

13.00: Diskussion über religiöse Themen

13.15: Gebet

14.15: Judo, Karate, Ringen

16.00: Ausruhen

17.00: Diskussion über religiöse Themen

18.00: Methodenworkshop zur Auflösung und Organisierung von Demonstrationen

19.00: Abendgebet und Abendessen

20.00: Nachtmarsch

21.00: Nachtgebet

22.00: ... Bettruhe

Die MHP hatte ein weites Netzwerk, bestehend aus zahlreichen Tarn- und Nebenorganisationen und Vereinen, aufgespannt (vgl. Werle / Kreile 1987: 92; Agaogullari 1987: 199-200; Pekmezci / Büyükyildiz 1999: 41,54,81,113). Die "idealistischen Kommandoeinheiten" wurden sowohl gegen militante als auch gegen unbewaffnete Angehörige der Linken eingesetzt. Es starben zwischen 1968 bis zum zweiten Coup d'État vom 12. März 1971 über 60 Personen bei den Auseinandersetzungen. Es

"wurden allein von rechtsextremen Kommandos bei über 230 gezielten Einsätzen und von den Sicherheitskräften 23 Studenten, 14 Arbeiter, 8 Bauern, 1 Lehrer und 3 Funktionäre der TIP getötet." (Weiher 1978: 150)

Jedoch wurde keine Strafverfolgung gegen die von der herrschenden AP-Regierung gestützten MHP eingeleitet (vgl. Roth / Taylan 1982: 119)[5].

Auch Linksradikale neigten zur Gewalt. Das für sie enttäuschende Wahlergebnis von 1969 und der Sieg der AP durch die auch von ihr durchgeführte Änderung des Wahlrechts (vgl. Kongar 1998: 167-168) waren Teilursache der Erhöhung ihres Frustrationspotentials mit ideologisch legitimierter Gewaltbereitschaft (vgl. Pevsner 1984: 45). Die linksradikale Studentenvereinigung DEV-GENC (Revolutionäre Jugend) spaltete sich von der TIP ab. Es wurden 200-400 Studenten in Lagern militanter palästinensischer Organisationen ausgebildet, die 1969 in die Türkei zurückkamen, um einen bewaffneten Umsturz zur Veränderung des bisherigen Herrschaftssystems herbeizuführen (vgl. Weiher 1978: 148). Aus der DEV-GENC hatten sich die als terroristisch eingestuften Guerilla-Bewegungen "Volksbefreiungsarmee der Türkei" (Türkiye Halk Kurtulus Ordusu, THKO) und "Front der Volksbefreiungspartei der Türkei" (Türkiye Halk Kurtulus Partisi Cephesi, THKPC) als Organisationen mit innovativen Funktionen zur Veränderung der bisherigen Herrschaftsordnung herausgebildet (vgl. Weiher 1978: 148), die ab Dezember 1970 Banküberfälle, Geiselnahmen gegen Lösegeld, Anschläge gegenüber Polizisten vor dem Istanbuler US-Konsulat durchgeführt hatten (vgl. Cumhuriyet Hafta Nr.21 / 25.05.2001, S. 15; Samim 1987: 159; Erogul 1987: 136).

Die Gefährdung der Inneren Sicherheit durch die nicht selten von Aleviten unterstützte Linke und der herrschenden Ordnung war Grund für die zweite Intervention der Armee, die diesmal am 12.März 1971 zugunsten der wirtschaftlichen Elite ein Memorandum einreichte.

www.alewiten.com, 17.12.2002


 

[1] Ein weiteres Beispiel für den Namen als Plakat für die Gesinnung ist Hüseyin Feyzullah. Er legte sich den Namen Alparslan Türkes zu und wurde später Führer der Nationalistischen Aktionspartei bzw. der Grauen Wölfe wurde. Türkes ist der Name eines türkischen Stammes, während 'Alparslan' der Vorname vieler führender historischer Persönlichkeiten in der türkischen Geschichte ist. So hat der Seldschukenkönig Alparslan die byzantinische Armee in Malazgirt 1071 geschlagen, was den Einzug der Turkstämme nach Anatolien erleichterte.

[2] Diese Vereine wurden laut Balli bereits von der CHP aufgrund der Gegenleistung für die von den Vereinigten Staaten erhaltene Wirtschaftshilfe gegründet (vgl. Balli 1999a: 508).

[3] Der Süleymanci-Orden wurde vom ehemaligen Nakschibendiprediger Süleyman Hilmi Tunahan (1887-1959) gegründet und hat die Wiedereinführung der Scharia und des Kalifats zum Ziel. Er hat aktiv die Massenbasis und Wahlkampfhilfe unter seinen Mitgliedern für die AP mobilisiert (vgl. Werle / Kreile 1987: 42). Die AP gewährte z.B. für seine Hilfe bei den Wahlen von 1979 12 Abgeordnetensitze für diesen Orden (vgl. Werle / Kreile 1987: 94).

[4] Der gebürtige Zypern-Türke Alparslan Türkes, der im Westen (USA, Bundesrepublik) ausgebildet wurde und in einigen militärischen Instanzen die Türkei international repräsentierte (vgl. Türkes 1997: 7), nahm zwar am ersten Putsch von 1960 teil. Wegen rechtsradikalem Gedankengut mußte er aber einige Jahre im Ausland verbringen, ehe er wieder in die Türkei zurückkehren konnte. Türkes trat mit seinen engsten Verbündeten in die nationalkonservative Splitterpartei Republikanische Bauern- und Nationspartei (Cumhuriyetci Köylü Millet Partisi; CKMP) ein, deren Name und Programm er nach seiner innerparteilichen Machtübernahme nach seinen Ordnungsvorstellungen umformte. Die MHP benutzte künftig die osmanische Reichsflagge als Parteiemblem zur Verdeutlichung ihrer Ideologie. Die Partei vertrat zunächst einen militanten obrigkeitsstaatlichen, antikommunistischen, korporatistischen und großtürkischen Ultranationalismus mit dem Ziel zur Schaffung einer moralisch disziplinierten hierarchischen und unter der Obhut des führungscharismatischen Führers (Basbug) stehenden Gesellschaft (vgl. Türkes 1997; Agaogullari 1987: 190 ff.). Um ein breiteres Publikum bei Wahlen anzusprechen wurde der gesellschaftlich relativ unbeliebte Nationalismus durch die nationalreligiöse sunnitisch-türkische Türkisch-Islamische Synthese (vgl. Agaogullari 1987: 197; Werle / Kreile 1987: 91; Arikan 1998: 123). Türkes formulierte dies so: "We are as Turks as the Tengri Mountain [it is in Central Asia ...] and as Muslims as the Hira mountain [which is located in the holy lands for Muslims in Saudi-Arabia]. Both philosophies are our principles." (Türkes, zitiert von Arikan 1998: 123; Agaogullari 1987: 98) Die Türkisch-Islamische Synthese wurde nach dem Militärputsch vom 12.09.1980 zur semioffiziellen Staatsideologie der Türkei hervorgehoben. Die Ideologie der MHP wird durch einen defensiven Reflex von der Existenz eines tatsächlichen oder fiktiven Feindes bestimmt, vor der der türkische Staat und das Volk beschützt werden muß. Während in den 60ern und 70ern der Kommunismus, in den 80er und 90ern die PKK die Feinde waren, wurde schließlich Erbakans Wohlfahrtspartei (Refah Partisi, RP) zum innenpolitischen Gegner (vgl. Arikan 1998: 121-122).

[5] Ein Beispiel für die Unterstützung der MHP durch die AP ist die jahrelange Geheimhaltung eines Berichtes einer Untersuchungskommission über paramilitärische Ausbildungslager der Grauen Wölfe, der erst 1978 veröffentlicht werden konnte (vgl. Kaynak Yayinevi 1997).